
Zuckerkrank ohne Zucker?
Vor zwei Monaten habe ich gefragt: “Verursacht Fleisch Diabetes?”
Dabei habe ich einen Aspekt bewusst ausgelassen, da er diesen Artikel deutlich verlängert hätte. Stattdessen ist es einen neuen Artikel wert:
Erhöhter HbA1c
Diabetes (Typ 2, T2D), auch als Zuckerkrankheit bezeichnet, wird in der Regel durch einen erhöhten Glykierter roter Blutfarbstoff - genutzt als Anhaltspunkt für den Durchschnittswert des Blutzuckers der letzten ca 3 Monate → mehr Blutwert diagnostiziert. Dieser Wert beschreibt üblicherweise den durchschnittlichen Blutzucker über die letzten 3 Monate. Es handelt sich dabei um eine Messung des an rote Blutkörperchen (genauer: den roten Blutfarbstoff) gebundenen Zuckers (Glykierung) - und rote Blutkörperchen leben in der Regel ca. 3 Monate.
Wie kann man also “zuckerkrank” werden, ohne - wie im Titel dieses Artikels aufgeworfen - Zucker zu essen, und was hat das mit dem “Verursacht Fleisch Diabetes” Artikel zu tun? Wir betrachten zu diesem Zweck die extremste Variante: Eine Eliminationsdiät(1), bei der ausschließlich Fleisch gegessen wird.
Ein Grund für eine solche sehr strikte Ernährung kann sein, dass Nahrungsmittelunverträglichkeiten aufgedeckt werden sollen. Wenn für eine Weile alle Lebensmittel ausgeschlossen werden, gegen die gegebenenfalls Unverträglichkeiten bestehen, kann man Nahrungsmittel einzeln wieder einführen, und so die Unverträglichkeiten recht einfach aufdecken. Aber auch dauerhafte Formen sind möglich - meiner Erfahrung nach mit erstaunlichen positiven gesundheitlichen Auswirkungen.
Einige Menschen, die sich so ernähren, stellen eine Erhöhung ihres HbA1c Blutwertes (der Langzeit-Durchschnitt des Blutzuckers) fest. Bewegen sie sich also in Richtung Diabetes? Was gibt es für Gründe für die Erhöhung des Wertes, wo ich doch schon verneint habe, dass Fleisch Diabetes verursacht?
Basis für diesen Artikel
Verursacht Fleisch Diabetes?
Immer wieder kommt mir der ‘allen bekannte Fakt’ unter, dass Fleisch Diabetes verursacht. Also habe ich auf die Studienlage geschaut - herausgekommen ist die bisher längste Literaturliste aller Artikel.
Weiterlesen →Schon in dem Artikel haben wir gelernt, dass auch der Eisenspeicher eine Auswirkung auf den HbA1c Wert hat: Wenn mehr Eisen verfügbar ist, erhöht sich auch der HbA1c, ohne Relevanz für die Diabetes-Werte (zwar erhöht sich dadurch der Insulinspiegel, aber diese Erhöhung ist unrelevant für eine Prädiabetes-Diagnose). Wir werden sehen, dass das nicht der einzige Grund für eine solche Veränderung sein muss, und wie man erstaunlicherweise sogar die Gegenrichtung argumentieren kann.
Beobachtungen
Es gibt Menschen, die bei einer Eliminationsdiät(1), bei der ausschließlich Fleisch gegessen wird, eine Erhöhung ihres HbA1c Blutwertes beobachten.
Nicht sehr häufig wird eine solche Umstellung durch eine kontinuierliche Blutzuckermessung begleitet - wozu auch: Diese Ernährung wirkt sich nur sehr wenig auf den Blutzuckerspiegel aus: Wer keine Kohlenhydrate isst, erwartet nicht, dass der Blutzuckerspiegel sich signifikant verändert. Aber trotzdem geht manchmal der Langzeit-Wert nach oben…
Wie kann das sein?
Im menschlichen Körper zirkuliert immer eine gewisse Menge Glukose - bei gesunden Menschen üblicherweise unter 100 mg/dl - anders ausgedrückt unter 1 g/l - noch anders ausgedrückt: Bei ca 5 l Blut insgesamt etwa ein Teelöffel voll (2) . Dieser ständig vorhandene Zucker kann im Laufe der Zeit nicht nur als Energielieferant verwendet werden, sondern auch mit Eiweißen in der Umgebung reagieren. Man nennt das Glykation(3). Eines der Reaktionsergebnisse ist das, was als HbA1c gemessen wird.
Man könnte sagen, dass HbA1c misst, wie viele rote Blutkörperchen von “Verzuckerung” geschädigt wurden.
Allerdings ist die Lebensdauer nicht vom Kalender gesteuert, sondern von biologischen Prozessen, so dass eine alternative Erklärung für den höheren Wert schlicht ein längeres Leben dieser Blutkörper sein kann: Wenn weniger geschädigt werden, muss der Körper weniger davon ersetzen. Leben sie länger, haben sie - auch bei geringerer Zuckerbelastung - mehr Zeit für die Glykation, und naturgemäß steigt der gemessene Wert auch dann.
Da T2D klassischerweise über HbA1c nachgewiesen wird, ist ein höherer HbA1c Wert dann natürlich ein Alarmsignal. Wir haben aber bereits in einem früheren Artikel von einer alternativen Messung erfahren, die sogar 10-15 Jahre vor einer Erhöhung des HbA1c Alarm schlagen kann, aber leider selten durchgeführt wird:
Diabetes Typ 2, und wie man sehr viel früher Alarm schlagen kann
Insulin, Kapitel 3
Auch wenn Typ 2 Diabetes gern als ‘Zuckerkrankheit’ bezeichnet wird: Der eigentliche Elefant im Raum ist Insulin. Die gute Nachricht: PatientInnen können sich selber helfen - wenn sie wollen
Weiterlesen →Auch in dem Artikel ist die Veränderung der Lebenszeit der roten Blutkörperchen bereits als ein weiterer Grund aufgetreten, wie beispielsweise Blutspenden eine Diagnose verzögern können - allerdings in der Gegenrichtung: Wenn einige Zeit vor der HbA1c Bestimmung Blut gespendet wurde, hat der Körper neue, unglykierte, Blutkörperchen ins Rennen geschickt. Der so gemessene Wert ist künstlich geringer als er eigentlich sein müsste - logisch, denn der Messwert bezeichnet das Verhältnis von glykierten zu unglykierten Proteinen und wird in Prozent ausgedrückt.
Das gleiche gilt, rein mathematisch, auch in anderer Richtung: Leben die roten Blutkörperchen länger, haben sie mehr Zeit mit Zucker zu reagieren.
Heißt das, rote Blutkörperchen sind gesünder und leben länger mit einer entsprechenden Ernährung? Nicht unbedingt. Prinzipbedingt ist es eher schwierig das Alter von solchen Zellen direkt und individuell zu verfolgen. Ich habe keine Studien gefunden, die das direkt bestätigen - allerdings ist die Natur der Messung letztlich eine statistische, und hängt direkt auch von der Lebenszeit der roten Blutkörperchen ab.
Einen hab’ ich noch
Ist das alles? Natürlich nicht: Oben habe ich gesagt “Mehr Eisen -> Höherer HbA1c”. Eine solche Aussage hält natürlich nur im Rahmen der Normalbereiche (keine massive Eisenunter- oder -überversorgung). In diesen Grenzen gilt, um es nochmal anders zusammenzufassen: Mehr Eisen führt letztlich zu höherem HbA1c. In der Gegenrichtung: Weniger Eisen führt dazu, dass rote Blutkörperchen langsamer neu gebildet werden, die existierenden damit langsamer ersetzt werden, und HbA1c auf dem Wege ihrer längeren Lebenszeit ebenfalls erhöhen kann. Interessanterweise erfolgt das ohne Auswirkung auf die Insulinresistenz(4).
Einen hab’ ich noch
Jetzt aber? Nein, immer noch nicht: Der Körper kann überflüssiges Protein nicht speichern, und wandelt es daher zur energetischen Nutzung um: In Glukose, Fette und Ketone (der Stickstoff aus dem Protein wird über den Urin ausgeschieden). Der daraus resultierende Glukoseanstieg ist allerdings bedarfsgesteuert und nicht vergleichbar mit dem massiven Anstieg des Blutzuckerspiegels nach einer kohlenhydratreichen Mahlzeit - nichtsdestotrotz ein Einflussfaktor, der zu berücksichtigen ist. Auch Protein erhöht den Insulinspiegel, allerdings sehr viel geringer als Kohlenhydrate das tun. Im Rahmen der eingangs angesprochenen Eliminationsdiät würde ich immer davon ausgehen, dass diese im Kontext der Fettadaption des Stoffwechsels durchgeführt wird: Moderate Proteine (als Baustoffe), viel Fett (als Treibstoff).
Einen hab’ ich noch
Ein weiterer Mechanismus kann zur Erklärung herangezogen werden: Bei einer extrem kohlenhydratarmen Ernährung übernimmt die Leber einen wichtigen Anteil bei der Kohlenhydratversorgung. Gleichzeitig werden die Muskeln fettadaptiert, das heißt, sie verbrauchen weniger Zucker und mehr Fett. Dadurch steht Glukose für die Zellen zur Verfügung, die tatsächlich auf sie angewiesen sind (Welche sind das?). Wenn die Leber ihre Leistung nicht verringert, weil sie auch die Muskeln weiterversorgen “will”, erhöht sich der Blutzuckerspiegel - was natürlich eine Auswirkung auf den HbA1c hat. Diese physiologische Insulinresistenz der Muskeln ist jedoch etwas völlig anderes als die Insulinresistenz bei T2D oder Prädiabetes.
Fazit
Wer befürchtet, T2D zu haben oder zu bekommen, ist deutlich besser informiert, wenn der Nüchtern-Insulinspiegel gemessen wird, oder der echte durchschnittliche Blutzucker: Das bedarf regelmäßiger Messung - und wer sich nicht regelmäßig in den Finger stechen möchte, nimmt dafür dieser Tage ein Messgerät zur kontinuierlichen Überwachung. Wenn diese Messungen durchgängig im niedrigen Bereich liegen, gibt es vermutlich Entwarnung - egal, was die HbA1c Messung ergibt.
Durch die direkte Messung des Nüchterninsulinspiegels können wir also zwischen den beiden Extremen unterscheiden: Erhöhter Blutzucker-Durchschnitt aufgrund chronisch hohen Insulinspiegels (T2D oder Prädiabetes) vs eines der anderen Effekte, die bei einem statistischen Messwert einfach auftreten können oder eine andere physiologische Erklärung im Stoffwechsel haben.
Wir haben gelernt: Die Variationen des HbA1c müssen nicht unbedingt auf einen gestörten Blutzuckerspiegel hinweisen, sondern es handelt sich um einen Wert, der von vielen Einflussfaktoren abhängt. Natürlich gibt es eindeutig diabetische HbA1c-Werte, aber gerade im Übergangsbereich und mit einer Richtlinien-unkonformen Ernährung mit extrem wenigen Kohlenhydraten haben diese anderen Einflussfaktoren ein potenziell erheblich höheres Gewicht als im Bevölkerungsdurchschnitt bei einer kohlenhydratzentrierten Ernährung.
Ein klassischer Rat ist, Lebensmittel und Inhaltsstoffe zu vermeiden, gegen die der Körper intolerant reagiert - ketogene Ernährungen und eine entsprechende Eliminationsdiät vermeiden sehr effektiv Kohlenhydrate. Was bei anderen Intoleranzen gilt, gilt auch hier:
Wer keine Kohlenhydrate isst, kann nur schwer eine Kohlenhydrat-Intoleranz(5) vorführen.
Falls das doch jemand behauptet, kann es sehr gut sein, dass einfach nur ein in diesem Fall unpassender Wert angeschaut wurde.




