Wiederkäuer, insbesondere Rinder, gelten ja als die verschwenderischste Version von Fleisch. Es zeigt sich aber auch hier, dass Statistiken in jede Richtung produziert werden können - je nachdem, welche Aspekte einbezogen werden.

Aber eins nach dem anderen: Ich werde hier und heute keine vollständige Abhandlung verfassen, sondern nur ein paar der Aspekte anreißen. Mehr Details zu einzelnen Punkten dann in späteren Artikeln.

“Livestock’s Long Shadow”

(Der lange Schatten der Viehwirtschaft) ist der Titel einer Studie der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) aus dem Jahr 2006.

In diesem Bericht wurde festgestellt, dass die weltweite Nutztierhaltung für 18 % der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich sei. Im selben Bericht wurde dieser Wert direkt mit dem weltweiten Transportsektor verglichen, dessen Anteil damals mit ca. 13–14 % angegeben wurde. Die daraus resultierende Schlagzeile „Kühe sind klimaschädlicher als Autos“ verbreitete sich weltweit und wird auch heute gerne noch als Argument vorgebracht.

Im Jahr 2010 gab einer der Autoren jedoch zu, dass ungleiche Aspekte verglichen wurden (1): Für Tierhaltung sind alle irgendwo aufzutreibenden Emissionen eingerechnet worden, im Transportsektor lediglich die direkten Emissionen aus dem Treibstoffverbrauch.

Tatsächlich liegen die direkten Emissionen deutlich darunter, und sogar die aktuell geschätzten Lebenszyklus-Emissionen der Tierhaltung sind geringer als 2006 angegeben. Und es gibt weitere Aspekte, die ebenfalls beachtet werden sollten.

Rinder rülpsen Methan

Korrekt. Im Rumen (einer der Mägen) eines Rindes zersetzen Mikroorganismen den Zellstoff, und generieren dabei anaerob auch Methan. Und Methan gilt als klimawirksamer als Kohlendioxid.

Nun werden bei dieser einfachen Betrachtung allerdings viele Aspekte außer Acht gelassen. Die FAO betrachtet eine gesamte Branche im Mittelwert, aber es gibt auch Aspekte, unter denen die Situation völlig anders aussieht.

Der Titel dieses Artikels gibt einen Hinweis auf einen solcher Aspekte, und auf diesen werde ich mich hier beziehen: Weidehaltung. Denn das Fazit aus den Zahlen (weder die originalen, noch die inzwischen korrigierten) muss nicht “Abschaffung der Tierhaltung” sein: Eine Änderung der Haltungsform kann einer Abschaffung sogar überlegen sein:

Auswirkungen auf die Weide

Beweidung durch Wiederkäuer hat eine bemerkenswerte Auswirkung auf eine Weide: Das Gras ist gezwungen regelmäßig wieder zu wachsen. Ohne Beweidung würde es irgendwann “vergreisen” (Man nennt das Seneszenz). Nach Erreichen seiner maximalen Höhe bildet es Samen und stellt dann die Photosynthese ein, die Wurzeln ziehen sich zurück, der oberirdische Teil der Pflanze “vergraut” und stirbt ab, ohne zu Humus zu werden. Der Endzustand wäre Steppe oder Wüste.

Durch Beweidung werden Gräser immer wieder abgefressen, müssen tiefere Wurzeln bilden und bringen konstant Nährstoffe aus der Photosynthese in den Boden ein. Sie ernähren das Boden-Mikrobiom, es wird Humus gebildet (weiter unterstützt durch den Rinderdung).

Es ist sogar so, dass manchmal stärkere Beweidung deutlich mehr hilft als zaghafte Beweidung (2).

Und Humus ist, weltweit, ein bedeutend besserer Kohlenstoffspeicher als Wälder es sind. (3)

Pflanzenschutz und Dünger

Eine Weide kommt ohne chemische Pflanzenschutzmittel aus. Es gibt schlicht keine “Unkräuter”, die eine entsprechende Behandlung benötigen. Man muss nicht “alles außer der einen ‘Ackerfrucht’” unterdrücken und ausmerzen.

Außerdem kommen Weiden hervorragend ohne Stickstoffdünger aus. In Zeiten (ich schreibe das im April 2026), in denen die Straße von Hormus gesperrt ist und große Mengen fossil erzeugten Stickstoffdüngers nicht in den Verkehr gebracht werden können, ist das ein gewichtiges Argument. (siehe übernächster Absatz)

Biodiversität

Durch fehlende Gifte (“Pflanzenschutz”) können erheblich mehr Tiere überleben, oder sich überhaupt erst ansiedeln. Vom Säugetier über Insekten bis zur Mikrobe. Ganz besonders interessant: Methanotrophe Bakterien. Das sind solche, die sich von Methan ernähren, ihn also deutlich schneller wieder abbauen als in athmosphärischen Modellen berechnet.

Einschub: Emissionen der pflanzlichen Agrarwirtschaft

Eigentlich nicht im Scope für diesen Artikel, aber als Vorbereitung zum nächsten Abschnitt durchaus wichtige Information: Pflanzliche Agrarwirtschaft ist ebenfalls nicht emissionsfrei, insbesondere wenn Stickstoffdünger verwendet wird. Unter anderem Stickoxide, darunter Lachgas, N2O, welches als 273 mal klimawirksamer als CO2 gilt und eine Halbwertszeit von 79 Jahren hat, gegenüber 8 Jahren bei Methan).

Kreislauf vs Zufluss

Wiederkäuer sind Teil des Ökosystems, und waren das schon immer. Bei der kurzen Halbwertszeit von Methan (8 Jahre) wird es schnell wieder abgebaut. Bei stabiler Herdengröße ist durch ständigen Auf- und Abbau die absolute Menge von athmosphärischem Methan aus Wiederkäuer-Mägen stabil. Außerdem, und das ist das wichtigste Argument, ist der Kohlenstoff in diesem Methan bereits Teil des biologischen Kreislaufs.

Ganz im Gegensatz zu fossilen Treibstoffen, und ganz zu schweigen von Stickstoffdüngern, die überwiegend mit Hilfe fossiler Rohstoffe erzeugt werden: Fossile Rohstoffe waren bis zu ihrer Förderung eben kein Teil der Biosphäre, sondern kommen additiv dazu. Und die sich bildenden Stickoxide sind ebenso nicht zu vernachlässigen - und zwar für sehr viel längere Zeit als das Methan.

Badewanne mit Massagedüsen in einem Innenraum
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Foto von Dhruv VishwakarmaLizenz: Unsplash
Wenn die Wanne überläuft: Erst den Zulauf abstellen, dann die Massagedüsen

Ein schönes Bild: Wir stellen uns eine Badewanne mit Massagedüsen vor. Das Wiederkäuer-Methan entspricht dem Wasser, das durch die Umlauf-Düsen in der Wanne umgewälzt wird, während fossile Rohstoffe dem laufenden Wasserhahn entsprechen, durch den ständig neues Wasser nachfließt.

Wenn diese Badewanne überläuft: Was wäre der lohnende Regler, den Überlauf zu beenden?

Erosionsschutz

Eine Weide mit tiefgreifenden Wurzeln hält den Boden gut zusammen. Das Gras wächst mehrjährig, und kann damit besonders starke Wurzeln ausbilden. Im Vergleich dazu einjährige Pflanzen: Derartig bepflanzte Böden erodieren bei Trockenheit oder Starkregen schnell. Einjährige Pflanzen bilden keine tiefen Wurzeln, die den Boden zusammenhalten. Andere Bodendecker, die den Boden schützen könnten, sind auf dem Acker unerwünscht und werden in der Regel beseitigt. Und nach einer Ernte bleibt der Boden nicht selten für eine Weile komplett ungeschützt zurück - und all das gilt sogar unabhängig von der praktizierten Bewirtschaftungsmethode: Für industrielle und ökologische Landwirtschaft gleichermaßen.

erodierter Boden, trocken mit großen Spalten
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Foto von Rory McKeeverLizenz: Unsplash
erodierter Boden

Bei Starkregen gibt es gelegentlich weggeschwemmte Äcker - aber nur sehr selten weggeschwemmte Weiden. Und was weggeschwemmt wird, ist in der Regel der fruchtbare Humus- Boden, der nur sehr langsam wieder aufgebaut werden kann. Und am besten noch mit tierischer Hilfe.

regenerative Haltungsformen

Mit Rindern auf der Weide ist es nicht getan. Auf der gleichen Fläche lassen sich noch andere Tiere unterbringen. So ist es problemlos möglich, der Beweidung durch Rinder Hühner folgen zu lassen. Diese interessieren sich sehr für die im Kuhdung heranwachsenden Insektenlarven, was wiederum zu glücklichen Hühnern und gesunden Eiern führt, ohne die Notwendigkeit Getreide zu füttern.

Und die Art der Beweidung hat auch noch eine große Auswirkung (2).

Zahlenbasis

Viele Werte werden in Zahlen/Einheiten angegeben, die besonders nachteilig für die tierische Nahrung aussehen - beispielsweise “pro kg” eines Produkts.

Nun lässt sich mit einem Kilogramm Rindfleisch tatsächlich der Tagesbedarf an lebenswichtigen Nährstoffen (essenzielle Amino- und Fettsäuren, und auch Energie, Kalorien) decken. Mit einem Kilogramm Salat, Getreide oder Kartoffeln geht das nicht. Besser sieht es für Hülsenfrüchte aus, aber bei diesen sind viele ihrer Nährstoffe bei weitem nicht so bioverfügbar wie die im Fleisch. Auch dazu aber mehr in einem späteren Artikel.

Fazit

Das soll erstmal, als allererster Beitrag zur Tierhaltung, reichen. Mehr in Zukunft: Vermutlich wird das mindestens ein detaillierter Artikel zu jedem Absatz.

Wir sehen: Es kommt auf die Haltungsform an. All diese Aspekte sind nicht in der breiten Diskussion - nicht zuletzt aufgrund des Vergleichs von “allen Tieren” mit “allem Verkehr”.

Ein sinnvoller Lösungsansatz ist nicht die Abschaffung der einen absoluten Größe - insbesondere wenn es Ansätze gibt, die sogar klimapositiv wirken .

Nicht nur haben die Autoren der 2006er FAO Studie methodische Fehler eingeräumt und damit - trotz ihrer späteren Korrektur - den Blick auf massive Vorteile durch Weidehaltung nachhaltig verstellt.

Noch immer ist die ursprüngliche und inzwischen überholte Studie ein oft gehörtes Argument gegen tierische Nahrungsmittel.

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