
Tierleid
In der menschlichen Ernährung gibt es ja die unterschiedlichsten Richtungen, Ansichten und ethischen Maßstäbe, die man anlegen kann.
Nach knapp 14 Jahren intensiver Beschäftigung mit Ernährung, Beobachtung meines eigenen Körpers, kommt ein Argument immer wieder vor: Das Tierleid.
Ich esse Fleisch. Eines der üblichen Argumente dagegen ist, dass ein Tier leidet - spätestens durch den Tod. Das lässt sich in diesem Fall leider nicht vermeiden, und ich wäre glücklich an eine äquivalente Nährstoffversorgung auch ohne das Leid von Tieren zu gelangen. Leider geht das nicht, selbst wenn ich kein Fleisch essen würde:
Tierleid in der pflanzlichen Landwirtschaft
chemisch
Im Pflanzenbau werden in der Regel große Flächen mit Monokulturen angebaut. Solche Monokulturen ziehen auch unterschiedlichste Tiere an, die sich von den angebauten Pflanzen ernähren können - oder solche, die wiederum von den genannten Pflanzenfressern angelockt werden.

Fangen wir mit den kleinen Tieren an: Insekten. Ich habe diverse Pflanzen in meinem Garten entsorgt, die von Raupen heimgesucht wurden. Hätte es Vögel gegeben, die diese Raupen fressen wollten, wäre ich dankbar gewesen. Gab es aber nicht - meine Alternative waren “Pflanzenschutzmittel” oder “Insektizide” (und die Vernichtung der Pflanze, bevor auch alle anderen befallen werden. Ein Luxus, den man in der Landwirtschaft nicht hat).
“Pflanzenschutzmittel” und “Insektizid” laufen auf’s gleiche raus, aber der Name macht einen großen Unterschied:
Ein “Pflanzenschutzmittel” schützt Pflanzen. Prima - das ist positiv formuliert.
Ein “Insektizid” vernichtet Insekten - das ist negativ formuliert.
Genau hier fängt das Tierleid an: “Pflanzenschutz” bedeutet immer auch “Tierleid” - und wir müssen uns nicht auf Insekten beschränken: Kleinsäuger (Nagetiere) und Vögel leiden ebenso darunter. Auf mehrere Arten: Zum einen ist das ausgebrachte Gift, wenn auch nicht notwendigerweise direkt toxisch, nicht besonders gesundheitsförderlich. Falls spät ausgebracht kann es auch zu direktem Hungerleid führen: Bis zum Ausbringen eines Insektizids mag es genug Futter für die Brutaufzucht gegeben haben - danach plötzlich nicht mehr, und zwar großflächig.
Diese Beobachtung bedeutet: Durch pflanzliche Landwirtschaft wird massiv in die Biodiversität eingegriffen (und ich betrachte hier thematisch nur die Tiere, noch nicht mal die ebenso unerwünschten weiteren Pflanzen - keine “Herbizide”)
mechanisch
Industrielle Landwirtschaft funktioniert nicht ohne großflächigen Maschineneinsatz. Je größer die zu bestellende Fläche, desto mechanischer laufen Anbau und Ernte ab: Pflüge und Mähdrescher sind eine ausgesprochen blutige Angelegenheit.

Ich vergleiche einen landwirtschaftlichen Maschineneinsatz gern mit einem alten Godzilla-Film - aber “in echt” für die an und auf einem Feld lebenden Tiere: Ein großes Monster zieht über die Fläche und hinterlässt eine Schneise der Verwüstung. Tiere, die trotz der oben genannten chemischen Keule noch überlebt haben, haben Glück, wenn sie diese Maschine überleben.
Wenn sie dieses Glück haben, ist mit der Ernte von einem Tag auf den anderen das vorherige (giftige) Schlaraffenland verschwunden, und sie müssen sich und ggf ihrer Brut, falls die auch überlebt hat, die vormals reichhaltige Nahrung aus großer Entfernung beschaffen - wenn sie bei der Gelegenheit nicht gleich selbst zu schutzloser Beute für Raubtiere werden
Mäusebussarde lieben frisch gemähte Felder: Endlich freie Sicht. Leider hat ihr so gefundenes Futter oft eine recht hohe Last an Giften.
Absicht vs Kollateralschaden
Oben genannte Punkte werden mir gerne mit dem Argument der Unvermeidlichkeit beantwortet: Man würde ja gern ohne Tierleid im Ackerbau auskommen, aber da man es nicht auf den Tod der Tiere anlegt, sei das ein leider zu akzeptierender Kollateralschaden. Zwar ein ethisches Dilemma, aber eines, das man eben tragen müsse.
Das ist ein Argument, das ich nicht gelten lassen kann, denn die ausgebrachten Gifte sind explizit dazu da, Tiere zu töten. Der Tod ist kein unbeabsichtigter Kollateralschaden, sondern das verkaufte Feature und der unmissverständliche Grund für den Einsatz dieser Mittel.
Und selbst in der Biolandwirtschaft wird Coexistenz von Tiere, die sich an den Nutzpflanzen schadlos halten, nicht akzeptiert - dort werden nur andere Mittel eingesetzt als in der konventionellen Landwirtschaft.
Anbau von Tierfutter
“Wenn Pflanzenanbau so schlecht ist: Was ist dann mit Tierfutter? Da hat man ja dann quasi die Summe aus beidem.”
Für die industrielle Tierhaltung sieht das wie ein korrekter Einwand aus. Das Futter muss irgendwo her kommen. Aber dabei werden zwei Aspekte übersehen:
Weidehaltung
Durch Weidehaltung ist es möglich, klassischen Futtermittelanbeu komplett zu umgehen. Mehr noch: Viele Flächen weltweit sind nicht mal für Ackerbau geeignet, können aber - als Grasland - für die Aufzucht von Tieren als Weideland genutzt werden.
Als Seiteneffekt wird gleichzeitig der Boden verbessert, Humus aufgebaut und Kohlenstoff gebunden - aber das ist das Thema für einen anderen Artikel.
Nutzung von sekundären Pflanzenteilen
Bei weitem nicht in allen Fällen werden die gleichen Pflanzenteile an Tiere verfüttert, die auch in menschlicher Nahrung landen könnten:
Viele Futtermittel werden nicht separat angebaut, sondern bestehen aus Abfallprodukten der Lebensmittelproduktion: Ein Großteil der Maispflanze wird nicht vom Menschen gegessen - fällt aber trotzdem an. Die enthaltenen Fasern sind für Menschen unverdaulich - Wiederkäuer mit ihrem mehrstufigen Verdauungssystem können sie verwerten und formen sie in hochwertige und bioverfügbare Nährstoffe um. Brauereien und andere Betriebe liefern ihre Reststoffe zur Verfütterung an Tiere. Diese müssten ohne solche Verwertung separat und aufwändig entsorgt werden. Hervorragendes Upcycling ungenutzter Pflanzenteile aus Pflanzen, die für den menschlichen Verzehr angebaut werden. Ein gutes Beispiel dafür sind Presskuchen (1) .
Gibt es einen Ausweg?
Egal, ob wir Pflanzen oder Tiere essen: Es leiden immer Tiere. Spätestens durch ihren Tod. Es lässt sich aber dafür sorgen, dass Tiere, die wir zur Nahrungsversorgung aufziehen ein sehr gutes Leben haben. Da gibt es eine Menge Hausaufgaben für die Landwirtschaft, aber es ist prinzipiell möglich:
Die Kombination aus Giften (die auch schleichend wirken), mechanischer Ackerbearbeitung und plötzlichem Hunger führt dagegen immer zu langgezogenem Leid, einem potenziell qualvollen Gift-, Verletzungs- oder Hungertod. Und das in einer Größenordnung - bezogen auf die Anzahl der Tiere - die erheblich über der von Schlachtungen liegt.
Die Tiere in der Nahrungsversorgung sind größer, aber die durch Pflanzenschutz und Maschineneinsatz getöteten Tiere sind mehr. Rechnet man noch die positiven Effekte von Weidehaltung auf Biodiversität mit ein: viel mehr. Auf einer Weide wird kein Pflanzenschutz und keine Bodenbearbeitung benötigt. Wer dort steht, hört Insekten, Kleinsäuger, Vögel. Alles, was auf einem frisch gepflügten Getreidefeld fehlt.
Das ist übrigens kein Argument, das Fleischesser erfunden haben: Es ist ein ernsthaftes Streitthema in der akademischen Tierethik. (2)(3)(4)
Ich argumentiere, dass bei adäquater Fleischproduktion weniger Tiere leiden als durch Verzehr von Pflanzen. Das beziehe ich ebenso auf solche Tiere, denen wir ein Empfinden zuschreiben (Säugetiere und Vögel) und nicht nur Insekten.
Und da haben wir noch gar nicht über viele weitere positive Aspekte von Tierhaltung gesprochen… (5) (6)







