
Regenerative Landwirtschaft im Sinne des Völkerrechts
„Secure Soil, Save Life" (1) ist ein Report für (Völker-)Rechtsexperten und Gesetzgeber, kein emotionales Manifest für regenerative Landwirtschaft. Und gerade deshalb ist bemerkenswert, was drin steht: Wer genau liest, findet zwischen völkerrechtlichen Definitionen die explizite Forderung nach gelenkter Weidehaltung (managed grazing) als Schlüsselwerkzeug zur Rettung unserer Böden.
Zur Illustration kann ich den Bericht am besten für sich selber sprechen lassen:
Zustand des Bodens in Europa, Deutschland und der Welt
Über Europa wird (Seite 31) gesagt:
In der Europäischen Union sind 60-70% der Böden als direkte Folge nicht nachhaltiger Bewirtschaftungspraktiken degradiert und haben erheblich an Kapazität verloren, ökologische Funktionen für verschiedene Lebensformen zu erfüllen. Diese degradierten Böden werden als “ungesund” eingestuft und sind von Erosion, Verlust an organischem Kohlenstoff, Verdichtung, Versalzung und Kontamination betroffen. (EC, 2020 (2)) (3)
Über Deutschland (Seite 32):
In Deutschland leidet mindestens 20% der landwirtschaftlichen Nutzfläche unter schwerer Bodenerosion. Diese schwere Erosion betrifft den fruchtbarsten Oberboden und wird hauptsächlich durch übermäßig intensive Landwirtschaft angetrieben, darunter der Einsatz schwerer Maschinen, unzureichende Bodenbedeckung in der vegetationsfreien Zeit und Anbaumethoden, die die Anfälligkeit gegenüber Starkregen erhöhen (Seeger, 2023). Darüber hinaus hat laut [einer Studie aus dem Jahr 2024] die Umwandlung von Grünland in Ackerland in Deutschland zu einer langfristigen Bodendegradation geführt: […] (Emde et al. 2024 (4)) (5)
Sehr alarmierend, und die Zustände in anderen Ländern und Kontinenten sehen nicht besser aus. Australien fängt noch am motivierendsten an, nur um dann zu beschreiben, dass die aktuellen Methoden zwar sehr gut sind, aber aus der Geschichte noch eine große Menge an “Altlasten” der Bodenzerstörung bestehen.
Mit anderen Worten: Es ist nirgends gut, aber einige Landwirte setzen bereits geeignete Techniken ein, die den Boden aktiv aufbauen, oder zumindest nicht aktiv zerstören. Und das in einer Häufung, die sich regional in diesem Bericht zu unterscheiden lohnt.
Weidehaltung, bzw Regenerative Landwirtschaft
Auf den Zustandsbericht folgt ein Kapitel über Möglichkeiten, die Bodenqualität wieder deutlich zu verbessern. Es ist nur ein kurzes Kapitel, aber da das Dokument hauptsächlich eine Vorlage für Zustandsbericht und internationale rechtliche Regelungsvorschläge ist (kein landwirtschaftliches Policy-Dokument), ist das verständlich.
Aus diesem Kapitel (Seite 35, Hervorhebungen von mir):
Schutz und Revitalisierung des Bodens durch regenerative Landwirtschaft
Den oben beschriebenen alarmierenden Umwelt- und Agrartrends kann durch erprobte Maßnahmen vor Ort wirksam entgegengewirkt werden, wobei regenerative Landwirtschaft als primäre Strategie dient. Regenerative Landwirtschaft ist ein ganzheitlicher Bewirtschaftungsansatz, der nicht nur darauf abzielt, Bodengesundheit und Umwelt zu erhalten, sondern sie aktiv zu verbessern - im Gegensatz zu konventionellen Praktiken, die zur Degradation führen können. Ihre Kernprinzipien zielen darauf ab, den Boden durch minimale oder keine Bodenbearbeitung so wenig wie möglich zu stören, was Bodenstruktur, organische Substanz und das für den Nährstoffkreislauf entscheidende mikrobielle Leben erhält. Eine zweite Schlüsselstrategie ist die dauerhafte Bodenbedeckung durch Zwischenfrüchte oder Ernterückstände. Dies schützt den Boden vor Erosion, reguliert die Temperatur und ernährt die Bodenbiota. Darüber hinaus betont regenerative Landwirtschaft Fruchtfolge und Diversität, was Schädlings- und Krankheitszyklen unterbricht, und schließt die Integration von Nutztieren in ein gesteuertes Beweidungssystem ein, um die mikrobielle Aktivität im Boden auf natürliche Weise zu fördern und anzuregen (Khangura et al., 2023) (6) (7)
Direkt gefolgt von den Aussichten - was folgt, wenn man regenerative Landwirtschaft im großen Stil umsetzt:
Durch den Fokus auf diese bodenfördernden Praktiken bietet regenerative Landwirtschaft eine wirksame Lösung zur Umkehrung der weit verbreiteten Bodendegradation. Sie revitalisiert erschöpfte Böden effektiv, indem sie deren Humusgehalt erhöht, was direkt mit besserer Bodenstruktur, Fruchtbarkeit und Kohlenstoffspeicherpotenzial zusammenhängt. Diese Verbesserung der Bodengesundheit führt zu einem robusteren Agrarökosystem, das im Laufe der Zeit weniger synthetische Betriebsmittel wie Düngemittel und Pestizide benötigt - was Kosten und Umweltbelastung reduziert. Entscheidend ist, dass diese Techniken die Fähigkeit des Bodens zur Kohlenstoffbindung verbessern, Wasserinfiltration und -speicherung erhöhen und die Biodiversität fördern. Letztlich bedeutet die Anwendung regenerativer Methoden einen Wandel von einem extraktiven zu einem wiederherstellenden Landwirtschaftsmodell, der die langfristige Tragfähigkeit der Lebensmittelproduktion sicherstellt und gleichzeitig zur Abschwächung des Klimawandels und zur Wiederherstellung von Ökosystemen beiträgt. (Montgomery et al. 2022(8)) (9)
Was machen wir daraus?
Der große Vorteil von Weidehaltung ist der Aufbau von Boden, in hoher Qualität. Klassische Landwirtschaft - insbesondere die hochskalierte Landwirtschaft, die auf große Monokulturen setzt - ist nicht gut für den Boden.
Der Verzehr von pflanzlichen Kalorien aus industrieller Monokultur (Weizen, Soja, Raps, Zucker, …) wird oft als die „ethisch sauberere“ Ernährung dargestellt. Der Report zeigt das Gegenteil: Monokulturen zerstören das völkerrechtlich zu schützende Gut Boden. Weidehaltung baut es auf. Die ethische Pflicht zur Schadensminimierung spricht also für das Tier auf der Weide.
Im Bericht ist beschrieben, dass der Aufbau von 2,5cm Boden durchaus 500 Jahre dauern kann. Nicht im Bericht steht, dass Böden weltweit ein bei weitem bedeutenderer Kohlenstoffspeicher sind als Wälder (10) .
Außerdem brennen Böden schlechter. Win-Win!
Die große Frage ist, ob wir es uns leisten können, die Menschheit weiterhin aus riesigen Monokulturen zu ernähren, in denen wir die Biodiversität dezimieren (Pestizide, Herbizide, mechanische Bearbeitung), oder ob wir die Ökosystemdienste von Tieren - und dabei insbesondere von Wiederkäuern - nutzen sollten oder müssten, um die bereits angerichteten Schäden schnellstmöglich wieder zu beseitigen.
Die Verbindung zur Tier-Ethik verfolge ich an anderer Stelle weiter. Was der Report hier aber klar macht: Die Frage “Was sollte ich essen?” lässt sich nicht beantworten, ohne zu fragen, was die Produktion mit dem Boden anrichtet. Und das gilt für den industriellen Kraftfutteranbau genauso wie für den veganen Pastateller - während echtes Managed Grazing den Boden schützt, ohne dass dafür jemals ein Pflug die Erde aufreißen, oder ein Tropfen Pestizid ausgebracht werden müsste.
Sogar die völkerrechtlichen Vordenker kommen an der Biologie des Wiederkäuers nicht vorbei, wenn sie die Welt vor dem Verhungern retten wollen.







