
Realistische Anforderungen an die Ernährungsmedizin
Beim Schreiben dieses Artikels konnte ich mich nicht so richtig entscheiden:
- Rant?
- Fortsetzung eines anderen Artikels?
- Beschreibung meiner Motivation, diese Site zu betreiben?
Es wurde ein bisschen von allem.
Anlass war eine Episode des Abendblatt-Podcasts mit Dr. Matthias Riedl, dem “Posterboy” der deutschen Ernährungsmedizin und Fernsehdoktor, zu dem es hier schon mehrere Abhandlungen gab, bei denen ich eher eine oppositionelle Position ihm gegenüber eingenommen habe.
In einer neuen Folge - dieses Mal nicht direkt bei den NDR-Ernährungsdocs, sondern beim Abendblatt(1) (hier als YouTube-Video eingebettet) - erzählt er von den größten Irrtümern in der Ernährungsmedizin - und tatsächlich ist da etwas dran.
Wo fangen wir an?
Meine Motivation
Auf butterbei.de berichte ich von Erfahrungen im Rahmen einer Ernährung, die weit vom Standard der DGE abweicht. Das kann die ketogene Ernährung sein oder sogar ihre ballaststofffreie Variante. Ziel sind die informierten PatientInnen: Zu häufig werden die Ernährungsrichtlinien als das Nonplusultra der Ernährung hingestellt, der Goldstandard, und alle davon abweichenden Ernährungspläne als defizitär oder aktiv gesundheitsschädlich - obwohl das bei weitem nicht bei allen der Fall ist.
Stattdessen wird - auch im Rahmen der offiziellen Empfehlungen - Angst und Schrecken vor Lebensmitteln geschürt, die die größte Nährstoffdichte haben. Und das, obwohl die dahinterliegenden Studien nur zweifelhafte Qualität haben, insbesondere keine Ursache-Wirkungs-Beziehung nachweisen können.
Aber kommen wir zurück zu Dr. Riedl und meinem aktuellen Anlass, ihn schon wieder auf die Tagesordnung zu bringen:
Unrealistische Erwartungen
Wer sich noch an seine frühere Forderung nach Studien im Standard der Pharma-Zulassung für eine ketogene Ernährung erinnert, wird sich wundern, dass er das anscheinend doch nicht so meint. Oder wird sich auch nicht wundern, denn bei Dingen, die in sein Weltbild passen, hat er ja auch damals schon nicht allzu genau hingeschaut. Das war damals mein Hauptproblem mit seiner Aussage, denn er hat ja schon dort einen Doppelstandard angelegt.
Wenn andere Maßstäbe gelten...
Zwei Maßstäbchen
Als ich mich bereits im August 2026 mit seinem Doppelstandard auseinandergesetzt habe, habe ich bemängelt, dass er einerseits überzogene Ansprüche stellt, andererseits sehr nachgiebige Auslegung praktiziert, und das zur gleichen Zeit gegenüber unterschiedlichen Aspekten.
Realistische Erwartungen
In dieser neuen Folge geht er aber nochmal detaillierter darauf ein, welche Forschung in der Ernährungsmedizin zu erwarten ist, und wie sehr man tatsächlich auch Fallstudien und Erfahrungswissen einbeziehen muss.
Ich beziehe mich hauptsächlich auf diesen Teil der Folge (das eingebundene Video steigt bei 21:21 ein, kann aber natürlich auf den Beginn der Folge zurückgesetzt werden):
M. Riedl: Ein ganzes Medizinestablishment wendet sich kritisch hinterfragend oder ablehnend gegen die Ernährungsmedizin und sagt: “Das ist alles gar nicht so, wie du dir das vorstellst.” Wir sehen aber Leute mit Schuppenflechte, Neurodermitis, Diabetes und Rheuma, die besser bzw. geheilt werden. Weil das in der Erlebniswelt unserer traditionellen Medizin nicht vorhanden ist, sind die extrem kritisch und sagen: “Ja, hast du denn ’ne Studie?” Ja, am Anfang hat man noch nicht so viele Studien, und da herrscht dann leider so ein methodologischer Fetischismus vor, dass die Gegner der Ernährungsmedizin sagen: “Solange du mir das nicht in einer großen Studie beweisen kannst, glaube ich dir gar nichts.” Das ist methodologischer Fetischismus, und das führt uns nicht weiter. Wenn eine Fachrichtung am Entstehen ist, dann haben wir Erfahrungen, da haben wir kleinere Studien, da haben wir eine Evidenzlage, die immer dichter wird, aber noch nicht die placebokontrollierte randomisierte Studie ist - mit Lebensmitteln auch schwierig. Wer soll’s bezahlen?
Aha! Der Fachbegriff für das eine der “zwei Maßstäbchen"(2) ist also “methodologischer Fetischismus” ☝️🤓💡 - merk ich mir für weitere Folgen.
Genau das ist der Punkt, an dem ich nicht weiß, woran ich bei ihm bin: Ich stimme ja zu 100% zu. Wenn er diesen Grundsatz denn nur auch in Bereichen anwenden würde, in denen es mal weniger oder keinen Hafer zu essen gibt(3).
Die ketogene Ernährung bietet inzwischen eine so große Menge an Fallstudien, die Remission oder massive Besserung bei vielen nichtansteckenden Zivilisationskrankheiten erreicht haben, dass sie nicht länger zu ignorieren ist. Leider wird sie oft - wie auch in anderen Artikeln mehrfach kritisiert - nicht mal als eine Option angeboten. Stattdessen hat Dr. Riedl ja, wie damals behandelt und jetzt mit eigenen Worten begründet, unerfüllbare Forderungen für das Inbetrachtziehen der ketogenen Ernährung gestellt.
Bei diesen Aussagen zu Zivilisationskrankheiten muss man sich nicht mal auf einen Ernährungsnerd stützen. Dr. Riedl sagt selbst, was die Ernährung hier ausrichten kann:
Keine Heilversprechen, aber…
M. Riedl: Alle Zivilisationskrankheiten sind besserbar durch die Ernährungstherapie, viele davon heilbar, und manchmal lindert man dabei auch die Befindenseinschränkungen. Da gibt’s kein Heilversprechen - das darf man ja auch gar nicht abgeben. Aber wir haben eben überragende Beispiele…
Natürlich kann auch ich keine Heilversprechen geben - das könnte ich selbst dann nicht, wenn ich ebenfalls zertifizierter Ernährungsmediziner wäre. Mein Anliegen ist: PatientInnen sollten die Optionen kennen, die in so vielen Fällen bisher schon Erfolge erzielt haben, in denen die Medizin nur noch Symptome verwaltet - auch und gerade weil es für diese aus den von Dr. Riedl genannten Gründen keine großen randomisierten placebokontrollierten Studien gibt. Sie können sich dann selbst entscheiden, was sie als die größere Entbehrung ansehen: Verzicht auf Brot und Getreide (bei ketogener Ernährung), oder den Verzicht auf den eigenen Fuß(4).
Wer auf den Fuß verzichten kann oder nicht an Diabetes leidet, für den sind vielleicht die Symptome von bipolaren Störungen(5), Morbus Crohn(6) oder Multipler Sklerose(7) bessere Verzichts-Kandidaten (diese Liste ist bei weitem nicht vollständig).
Dass ketogene Ernährung in all diesen Fällen nicht mal im Gegensatz zu den Empfehlungen der DGE steht, weil die Richtlinien ausdrücklich nur für gesunde Menschen gelten, haben wir ja auch schon behandelt.
Für wen gelten die Empfehlungen der DGE?
DGE-Empfehlungen. Ein Widerspruch?
Warum die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung meinen komplett anderslautenden Erfahrungen nicht widersprechen
Weiterlesen →Kalorienzählen
Ich kann nicht ohne ein weiteres Zitat schließen:
Etwas vor der oben verlinkten Startposition, bei 20:47, heißt es:
M. Riedl: Die schlimmste Diät ist halt Kalorienzählen - aber da müssen wir nochmal extra einen Podcast drüber machen.
Auch hier stimmen wir völlig überein - aber ich vermute, dass die Zustimmung nur oberflächlich bleibt. Ich warte gespannt auf die Umsetzung dieses Plans und werde wohl wieder kommentieren. In der Zwischenzeit stehen noch mehrere Aspekte zur Kalorienbilanz und alternative - besser passende - mentale Modelle auf meinem Themenplan.
Eine alternative Sicht auf die Kalorienbilanz
Kalorienbilanz: Ursache oder Wirkung?
Eine Einladung zur Umkehr der Kausalität: Warum es wenig hilfreich ist Gewichtsabnahme durch geringere Kalorienzufuhr zu erklären
Weiterlesen →Fürs Erste stelle ich aber fest: Genau genommen gibt es dieses Mal an den konkreten Aussagen in diesem Podcast nichts zu kritisieren - wir ziehen halt nur jeweils andere Schlüsse daraus, argumentieren aus einem anderen Erfahrungsraum und trauen Menschen unterschiedlich viel Eigenmotivation und Durchhaltevermögen zu.









