
Klimabilanz des Gesundheitswesens
Überall lese ich dieser Tage von der Klimabelastung, die die Landwirtschaft, und insbesondere die Tierhaltung verursacht. Meine persönliche Erfahrung mit einer Ernährung entgegen den üblichen Ernährungsrichtlinien (ketogen und ballaststofffrei) hat bisher für mich ausschließlich positive gesundheitliche Auswirkungen. Viele Studien und Experimente zeigen in eine ähnliche Richtung. Daher macht es Sinn, einmal nachzuschauen, was denn auf der anderen Seite dieser Statistik steht - quasi ganzheitlich auf menschenverursachte Emissionen zu schauen:
Die Grundannahme
Nehmen wir einmal an, dass die aktuellen Ernährungsrichtlinien eben gerade nicht zweifelsfrei gesund sind - dann lohnt ein Blick auf die Folgekosten. Es dürfte allgemein bekannt sein, dass das Gesundheitssystem hohe Aufwände mit chronischen nichtübertragbaren Krankheiten - sogenannten “Zivilisationskrankheiten” - hat. Ein Blick auf das Gesundheitssystem als Ganzes lohnt sich also. Sind diese Krankheiten aber ernährungsbedingt (wie in mehreren Artikeln auf butterbei.de beschrieben), bietet die Ernährung eine direkte Möglichkeit der besseren Vorsorge und Vermeidung - was unmittelbar Auswirkungen auf die Klimabilanz des Gesundheitssystems hätte.
Das Klima im Gesundheitssystem
Schaut man sich international verfügbare Zahlen an, so stellt sich schnell heraus, dass die Gesundheitssysteme der einzelnen Länder sehr unterschiedlich aufgestellt sind - die NGO Health Care Without Harm(1) spricht von einem globalen Anteil von 4,4% der Emissionen - mit höheren Anteilen in den Industriestaaten (Deutschland(2) 5,2%, zwar deutlich mehr, aber international bei weitem nicht der Spitzenreiter(3)).
Diese Zahlen beziehen sich übrigens auf das Gesundheitssystem im engeren Sinne. Nicht eingerechnet sind:
- Pflege, die über die Akutbehandlung hinaus durch chronische Krankheiten notwendig wird
- häusliche Pflege, die monetär eh nicht in Statistiken auftaucht
Es handelt sich also um Minimalwerte.
Es dürfte ähnlich schwierig sein, durch chronische Erkrankungen verlorene Lebensqualität und die dafür notwendigen Behandlungen zu beziffern - aber das ist kein Aspekt für diesen Artikel.
Attribution nach Krankheiten
Eine Attribution der Emissionen nach Krankheiten - und insbesondere für die Zivilisationskrankheiten - ist schwierig, und wurde bisher noch nicht zitierfähig vorgenommen. Allerdings ist ihr finanzieller Anteil an den Ausgaben außerordentlich hoch - und rechnet man dann noch ein, dass chronische Krankheiten auch akute Behandlungen, beispielsweise durch schlechtere Wundheilung, beeinflussen, lässt sich erahnen, dass die nichtübertragbaren Krankheiten einen Löwenanteil der Emissionen ausmachen. Ich erinnere an die Grundannahme: Zivilisationskrankheiten sind ernährungsbedingt - das heißt, sie können durch angemessene Ernährung nicht nur verringert, sondern vermieden werden.
An einem Beispiel können wir uns genauer anschauen, warum diese Attribution so kompliziert ist:
Typ 2 Diabetes
Die vermutlich am besten erforschte chronische Erkrankung ist Typ 2 Diabetes (T2D). Mit ernsthaften und nicht unüblichen Komplikationen wie Herz-Kreislauferkrankungen, Nierenschäden, Erblindung, Amputationen, Schlaganfällen und Krebs ist T2D ein Spitzenreiter unter den chronischen Erkrankungen, der die Wahrscheinlichkeit für das Eintreten anderer chronischer Erkrankungen deutlich steigert.
Es heißt gern: “Diabetes allein macht bis zu 10% der Kosten des deutschen Gesundheitswesens aus"(4), oder “4 von 10 Erwachsenen haben Diabetes oder Prädiabetes.”
Es kommt aber darauf an, was man in diese Kosten einrechnet - denn ansonsten kann man auch doppelt zählen:
- In 2020 wurden 7,4 Milliarden Euro(5) unter den Nach diesen Codes werden Gesundheitsleistungen berechnet → mehr für Diabetes abgerechnet. Das enthält keine Komplikationen - beispielsweise Herz-Kreislauferkrankungen, die mit anderen Codes abgerechnet werden.
- In 2009 weist eine Untersuchung 21 Milliarden Euro(6) an Kosten inklusive Komplikationen aus - das heißt Kosten, verursacht von PatientInnen, bei denen auch Diabetes diagnostiziert wurde.
- Ebenfalls in 2009 weist eine Untersuchung 48 Milliarden Euro(7) an Behandlungskosten für DiabetespatientInnen auf, was alle - auch nicht mit Diabetes zusammenhängende - Behandlungen einschließt, also sicher überschießt. Die Zahl ist dennoch zu verteidigen, da Diabetes jegliche Behandlung - zum Beispiel durch schlechtere Wundheilung - verkompliziert.
Alle diese Kosten beziehen sich auf Deutschland, und haben sich sicherlich über die Jahre verändert, sind daher nicht direkt vergleichbar. Sie verdeutlichen die Schwierigkeit, Kosten diesen multimodalen chronischen Krankheiten zuzuordnen.
Eine schöne Parallele zu Dr. Bernstein(8): Das “Gesetz der kleinen Zahlen” würde uns auch hier helfen: Wären die Ausgaben und Aufwände vernachlässigbar klein, so würde niemand nach diesen Zahlen schauen - und niemand würde den Aufwand der Attribution überhaupt erst vornehmen wollen.
Welche Emissionen können eingespart werden?
Wir können hierfür zwei unterschiedliche Szenarien betrachten. Exemplarisch bleiben wir wieder bei T2D hängen:
T2D vorbeugen
Eine Studie aus 2024(10) vergleicht die Emissionen der verbleibenden Lebenszeit von Personen mit Prediabetes-Diagnose (also bereits nicht mehr gesunden Personen), bei denen aber durch Intervention die Progression zu vollem T2D aufgehalten wurde, mit denen, bei denen das nicht erfolgte.
Dabei kam heraus, dass die verbleibenden Lebenszeit-Emissionen sich um etwa 67% verringern lassen: Es verbleiben Emissionen durch die längere Lebenszeit, aber diese sind ohne den Behandlungsbedarf erheblich geringer als die während einer durch T2D um etwa 6 Jahre verkürzten Lebenszeit mit Behandlung.
Interessanterweise waren sogar die Herz-Kreislauf-Vorfälle in der Vorbeuge-Gruppe um 11% höher als in der Kontrollgruppe - vermutlich, weil diese Gruppe 6 Jahre mehr Zeit hatte, solche Komplikationen zu entwickeln, und das Risiko dafür ja bereits in ihrer Prädiabetes-Zeit entwickelt hat. Die Einsparungen lagen unter anderem bei Nierenschäden (73% weniger) und Augenkrankheiten (59% weniger).
T2D besser einstellen
Ein klinischer Standard bei der Behandlung von T2D ist eine “gute Einstellung” - damit ist nicht die geistige Haltung der PatientInnen gemeint, sondern die Kontrolle des Blutzuckers, zum Beispiel durch Medikamenten- und Insulin-Gabe.
In einer diesbezüglichen Studie(11) wurde untersucht, welche Auswirkungen eine Einstellung der PatientInnen auf einen HbA1c-Wert von 7% hat.
Die Verringerung der Emissionen dieser ungeheilten PatientInnen liegt trotz alledem immer noch in der Größenordnung von 1-1,5 t CO2-Äquivalente pro PatientIn - allerdings, wenn ich das richtig interpretiere, über eine Simulationsdauer von 50 Jahren, nicht pro Jahr. Insgesamt also ein wenig eindrucksvolles Vorgehen - mit einer ebenso wenig eindrucksvollen Einsparung.
T2D in Remission
Schaut man sich allerdings andere Berichte (teilweise Case-Studies) an, in denen durch eine Low-Carb- oder ketogene Ernährung eine Remission von T2D innerhalb kürzester Zeit erreicht wird, dürften die Einsparungen für das Gesundheitssystem noch viel größer ausfallen, als die oben genannten Studien bescheinigen.
Virta-Health(12) stellt Ressourcen und Erfahrungen mit dieser Herangehensweise zur Verfügung. Dort ist auch zu sehen, dass Blutzucker innerhalb von Tagen in deutlich geringere und gesündere Größenordnungen zurückkehrt. Da T2D anhand des Mittelwerts des Blutzuckers über 3 Monate (gemessen als HbA1c) diagnostiziert wird, dauert eine Remission allerdings länger als die Normalisierung von Blutzucker- und Insulinspiegel.
Für diesen Absatz habe ich keine konkreten Zahlen - aber es dürfte klar sein, dass die Prävention sowohl von Prädiabetes als auch vollem T2D zum Wegfall aller diesbezüglichen Behandlungs-Emissionen führt.
Gedanken aus dem Gesundheitssystem
Wir haben oben schon einen “klinischen Standard” in der Behandlung von chronischen Erkrankungen gesehen - ich habe noch einen anderen Blickwinkel für die Betrachtung der Emissionen des Gesundheitssystems gefunden: 2026 hat der BKK Dachverband einen “Bericht zum Klimaimpact der Gesundheitsversorgung"(13) veröffentlicht. In diesem sind verschiedene Krankheitsbilder explizit aufgeführt, und auch “Prävention” taucht an einigen Stellen auf. Man kann dem Bericht nicht vorwerfen, keine Vorsorge treffen zu wollen, aber fast alles, was ich darin lese, scheint sich auf einen anderen Begriff der Vorsorge zu beziehen, als ich ihn habe. Auch das Vokabular des Berichts, “Prävention” statt “Vorsorge”, passt dazu: Es scheint mir hier um die sekundäre und tertiäre Prävention von Hospitalisierungen, Komplikationen und Akutbehandlungen von bereits Kranken zu gehen, statt um die primäre Prävention, die Verhinderung von Krankheit selbst.
Wenn ich mir den Autor des Berichts, “Prof. Dr. Oliver Gröne, OptiMedis”, ansehe, ist das auch verständlich: OptiMedis macht sein Geld unter anderem mit der Versorgung von PatientInnen - es wäre verwunderlich, wenn von dort die Anregung zur Verringerung des Kundenstammes käme(14).
Gesundheitsauswirkungen des Gesundheitssystems
Die ganzen Analysen lassen sich auf die Spitze treiben: In einer Studie von 2024(15) ging es um die gesundheitlichen Auswirkungen, die auf die Emissionen des Gesundheitssystems zurückführbar sind - also die Schäden, die es an genau der Gesundheit anrichtet, für die es zuständig ist.
Aber das wird mir ein bisschen zu meta, um es weiter zu analysieren. Zumal die Art von Vorsorge/Prävention, die mir vorschwebt, dafür sorgen soll, dass diese Emissionen massiv zurückgehen.
Mein Fazit
Wenn ich mir aussuchen darf, an welcher Stelle mein Klimabudget für mich eingesetzt wird, dann wähle ich lieber die wohlschmeckende Gesundheitsvorsorge, die für eine lange “Gesundheitsspanne” sorgt, als die Behandlung chronischer Erkrankungen, die die Lebensqualität auch dann deutlich verringern, wenn sie nicht gerade behandelt werden.
Nun ist auch das nicht ganz unumstritten, und Fleisch wird für mehr und mehr Übel auf dieser Welt verantwortlich gemacht - eine Argumentation, die ich mit Blick auf verschiedene Studien, Publikationen und persönliche Erfahrungen absolut nicht teilen kann. Mir ist bewusst, dass das eine weit vom Mainstream abweichende Position ist. Normalerweise würde ich hier gern Studien sehen - aber was ich sehe ist fast noch stärker als eine Studie, und durchaus übliches wissenschaftliches Vorgehen: Es gibt genug konkrete Gegenbeispiele, die etablierte (meist epidemiologische, geringqualitative) Studien widerlegen.
Als Beispiel: Wenn in epidemiologischen Studien behauptet wird, dass Fleisch Diabetes verursacht, aber genug Einzelfallberichte existieren, in denen Diabetes mit einer ketogenen, karnivoren Ernährung geheilt(16) wird, zeigt das, dass der behauptete kausale Zusammenhang ausgesprochen zweifelhaft ist, und dass Fleisch die Blutzuckerkontrolle keinesfalls verhindert.
Zurück zu den Emissionen: Am Ende kommt es auch mir auf einen angenehm zu bewohnenden Planeten an - ich teile nur nicht die leicht zu widerlegenden Argumente, die Pflanzen (die mir sehr viele Probleme in der Ernährung gemacht haben) als die Allheilbringer und Tiere als die Inkarnation des Bösen darstellen, und die die Emissionen aus anderen von der Ernährung abhängigen Quellen (dem Gesundheitssystem) schlicht ignorieren.














