
Ketogene Diät - Abhandlung der Barmer
Die BARMER hat einen Artikel über die ketogene Diät veröffentlicht. Er ist bemerkenswert sachlich für einen Artikel, der am Ende eher davon abrät, selber mal ketogene Ernährung auszuprobieren. Die Autorin(1) hat erkennbar gründlich recherchiert, gründlich zitiert, und gründlich übersehen, was ihre eigenen Argumente eigentlich aussagen.
Ich lebe seit fast 14 Jahren ketogen. Nicht als Diät – Diäten hören irgendwann auf. Als Ernährungsweise. In dieser Zeit habe ich viele Artikel über “die Keto-Diät” gelesen, und der der BARMER gehört zu den besseren. Was ihn interessant macht: Wer ihn aufmerksam liest, kommt möglicherweise zu anderen Schlüssen als die Autorin.
Ich möchte ein paar Highlights kommentieren. Gleichzeitig sind für mehr Details im jeweiligen Absatz andere Artikel verlinkt. Wer mag, kann sich da so richtig eingraben.
Ursprung 1921 – oder: Jedes Baby ist ein Urketo-Enthusiast
”Ihren Ursprung hat die ketogene Diät im Jahr 1921…”
Nein.
Vielleicht hat sie ihren medizinischen Namen 1921 bekommen. Ihren Ursprung hat sie bei der Geburt: Ein gesundes Neugeborenes kommt in Ketose auf die Welt. Gestillte Säuglinge bleiben überwiegend in diesem Zustand (2). Erst mit dem ersten Löffel Obstbrei, Kartoffelbrei, Zwieback oder gezuckerter Ersatzmilch endet dieser Zustand.
Man könnte es so formulieren: Die ketogene Ernährung ist der Ausgangszustand. Die Frage ist nicht, wie lange man ihn durchhält – die Frage ist, warum man ihn verlassen hat.
“Alternative” Energiequelle – wer ist hier eigentlich die Alternative?
”Er produziert Ketone und zieht diese als alternative Energiequelle anstelle von Traubenzucker heran.”
Diese Formulierung ist aufschlussreich. Ketone als Alternative zu Glukose.
Der Homo sapiens existiert seit etwa 300.000 Jahren. Landwirtschaft gibt es seit ca. 10.000 Jahren. Kohlenhydrate in den heute üblichen Mengen – ausreichend, um dauerhaft aus der Ketose zu bleiben – gibt es flächendeckend erst seit der Industrialisierung, also grob 200 Jahren. Man könnte argumentieren, dass nicht Ketone die Alternative sind, sondern Glukose (3).
Aber gut, es kommt auf die Perspektive an.
Die DGE sagt: 50 Prozent Kohlenhydrate. Für Gesunde.
”Die DGE empfiehlt für Gesunde mindestens 50 Prozent der täglichen Energie in Form von Kohlenhydraten aufzunehmen.”
Für Gesunde. Das kleine Wörtchen trägt viel. Es impliziert – ohne es zu sagen –, dass die Empfehlung für Kranke nicht gilt. Für Menschen mit Insulinresistenz, metabolischem Syndrom, Typ-2-Diabetes, Epilepsie? Was gilt dann für die?
Interessant dabei: Ketogene Ernährung ist seit über 100 Jahren ein etabliertes klinisches Werkzeug bei Epilepsie — auch bei Kindern, und auf Jahre (4). Dort lautet die Frage: “Wirkt es?” Die Antwort ist eindeutig ja. Das Argument gegen ketogene Ernährung für gesunde Erwachsene muss dann mehr sein als: “Du brauchst das nicht”.
Nährstoffmängel: Die Ankündigung sucht ihre Symptome
”Wissenschaftler der DGE erklären, dass eine starke Einschränkung der Lebensmittelauswahl das Risiko für Nährstoffmängel erhöht.”
Nach fast 14 Jahren warte ich noch auf meine erste Mangelerscheinung. Das ist zugegebenermaßen kein wissenschaftlicher Beweis – ich bin ein Datenpunkt, kein Studiendesign. Aber immerhin ein hartnäckig gesunder.
Ein Beispiel:
So wie man Veganer immer als erstes nach ihrer Vitamin B12 Versorgung fragt, werde ich gern als erstes nach Vitamin C gefragt, wenn ich kein Obst esse. Was die Wenigsten wissen: Vitamin C und Glukose konkurrieren um denselben Transportmechanismus (5). Ohne Kohlenhydrate in der Nahrung sind die Rezeptoren für Vitamin C bedeutend weniger “blockiert” und können bereits geringe Mengen aufnehmen. Skorbut (die Vitamin-C-Mangelkrankheit) haben historisch die Seefahrer-Mannschaften bekommen, die vor allem von Hartbrot (“Schiffszwieback”) lebten – nicht die Offiziere, die auch Fleisch bekamen (6).
Eiweiß als Energielieferant: Eine hartnäckige Fehlinformation
”Wer den Kohlenhydratanteil seiner Ernährung drastisch senkt, der benötigt alternative Energiequellen: Eiweiß und Fett.”
Falsch – zumindest im Kontext ketogener Ernährung. Protein wird in Ketose nicht primär als Energielieferant herangezogen. Die Energie kommt aus Fett. Protein dient dem Erhalt von Muskelmasse und Körperstruktur – wie eigentlich immer.
Die Verwechslung von “eiweißreich” und “ketogen” ist einer der häufigsten Irrtümer in Artikeln über dieses Thema. Eine ketogene Ernährung ist fettreich, moderat in Protein, arm an Kohlenhydraten. Nicht “viel Fleisch und noch mehr Steak”. Auch wenn das Drama-Potenzial dort höher wäre (7) .
Gesättigte Fette und das Erbe des Ancel Keys
”Gesättigte Fettsäuren gehen mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen einher.”
Diese These stammt im Wesentlichen aus den 1950er-Jahren und der Arbeit von Ancel Keys. Seine Sieben-Länder-Studie war methodisch… sagen wir: selektiv. Der Arbeit an seiner Sieben-Länder-Studie ging die Veröffentlichung von Daten aus 6 Ländern voraus, in denen eine klare Korrelation zwischen gesättigten Fetten und koronaren Herzerkrankungen sichtbar war. Problem dabei: Er hatte Daten aus 22 Ländern und präsentierte nur die sechs, die seine Hypothese stützten (8). Die Auswahl der Länder für die folgende Sieben-Länder-Studie wurde nie schlüssig begründet.
Neuere Metaanalysen finden keinen signifikanten Zusammenhang zwischen dem Konsum gesättigter Fettsäuren und Herzerkrankungen (9). Die alte These hat sich durchgesetzt, weil sie sich durchgesetzt hat (!) – nicht, weil die Evidenz überwältigend war.
Der Artikel empfiehlt deshalb lieber Pflanzenöle. Ausgerechnet die mehrfach ungesättigten Fettsäuren in Pflanzenölen sind chemisch deutlich weniger stabil und oxidieren beim Erhitzen. Ich persönlich meide die strikt. Aber das ist eine andere Geschichte.
Vollkorn und Zink – oder: Was die Phytinsäure dazu sagt
”Vollkornprodukte liefern antientzündliche Inhaltsstoffe wie Zink. […] es kommt jedoch auf die Qualität und eine adäquate Menge an.”
Stimmt. Vollkorn enthält Zink. Was Vollkorn ebenfalls enthält: Phytinsäure – ein Antinährstoff, der Zink bindet und dessen Aufnahme im Darm deutlich reduziert (10). Was die Aufnahme hingegen massiv verbessert: tierische Proteine, insbesondere Histidin und Cystein, die lösliche Zink-Komplexe bilden. Wer Fleisch isst, nimmt aus einer kleineren Zinkquelle mehr auf als jemand, der Vollkorn isst.
Der beruhigende Schlusssatz (“Qualität und adäquate Menge”) klingt beruhigend, sagt aber absolut gar nichts. Qualität in welcher Dimension? Bioverfügbarkeit? Chemische Bindung? Notwendige Kofaktoren? Frei von Schimmel? Wie viel, oder wie wenig? Das alles bleibt als Übung für die Leserin (11). Klassisches Hedging.
Fehlende Langzeitstudien
Der Artikel beklagt, dass Langzeitstudien fehlen. Das stimmt – für die formale klinische Literatur.
Man könnte aber auch argumentieren, dass 300.000 Jahre Menschheitsgeschichte eine Art Langzeitstudie darstellen – mit einer Kontrollgruppe, die sich überwiegend von dem ernährt hat, was sie erjagen und sammeln konnte, und wenig von dem, was heute die Basis der Ernährungspyramide bildet.
Die Frage ist, welche Nullhypothese man anlegt.
Und zurückkommend auf die Pflanzenöle, die die Autorin wie so viele aus der Ernährungsbranche zu bevorzugen scheint: Ich vermisse die Langzeitstudien zu deren Unbedenklichkeit. Die meisten Saatenöle sind in dieser Form erst seit 50-100 Jahren überhaupt in Verwendung, und erstaunlicherweise werden wir seitdem immer kränker.
Fazit
Der Artikel war herrlich unaufgeregt zu lesen, hat mir aber zumindest nach allem, was ich bisher zum Thema gelesen habe, nichts neues präsentiert. Die Argumente gegen ketogene Ernährung (hier: Diät) sind “die üblichen”, und exakt die, wegen der ich diese Site gestartet habe, um alle meine Gedanken und Erfahrungen zu sortieren und präsentieren.
In diesem Fall ist mein Fazit: Man braucht eigentlich gar keine Gegenargumentation. Es reicht, denselben Artikel jetzt ein zweites Mal aus einer neuen Perspektive zu lesen.






















