Der erste Artikel in dieser Reihe war ein Rant - jetzt geht’s an ernsthafte Biologie, und handfeste Informationen über den anderen Beweggrund, dieses Prinzip zu empfehlen.

Spoiler: Auch hier geht’s ums Hedging. Und, mal wieder, um eine ungewöhnliche Perspektive auf diese weit verbreitete Weisheit.

Was wäre wenn… das alles einen Sinn hätte?

In der ersten Folge habe ich die Frage gestellt, was an “gelb”, “rot” oder “grün” denn eigentlich so bemerkenswert oder gesund wäre. Heute geht es um die exakt umgekehrte Fragestellung: Gibt es etwas, das an “rot”, “gelb” oder “grün” ungesund ist?

Inhaltsstoffe: Schädlich oder wertvoll?

Alle sind immer sehr begeistert von den Helden der Pflanzenwelt: “Sekundäre Pflanzenstoffe”, Ballaststoffe und Antioxidantien. Ganz zu schweigen von den Mineralstoffen und Spurenelementen. Sie stehen im Mittelpunkt der pflanzlichen Marketingabteilung.

Niemand betrachtet dagegen die Villains, die Schurken: Sehr kurz: Antinährstoffe - solche die entweder die Aufnahme von Nährstoffen verhindern oder selbst bestimmte, in der Regel unerwünschte, Reaktionen hervorrufen. → mehr, Goitrogene, Oxalate, Cyanogene Glykoside, Tannine, Phytate und andere Stoffe, die den Körper an der Aufnahme von vorhandenen Nährstoffen hindern, teilweise andere schädliche Eigenschaften haben. Beispielsweise Phytinsäure, Lektine, Oxalate, Tannine:

Pflanzen - genau wie Tiere - wollen nicht gegessen werden. Und für ihre Saat gilt das erst recht: Sie können nicht weglaufen, nicht treten und nicht beißen, aber sie können sich chemisch wehren: Viele Stoffe in Pflanzen sind giftig. Einige dieser Gifte kann der menschliche Körper in begrenzter Menge tolerieren oder unschädlich machen. Andere müssen oder sollten bereits vor dem Verzehr entschärft werden.

Der alternative Regenbogen

Rot: Nichts zum Ausprobieren: Rohe Kidneybohnen können einen Menschen bereits in sehr geringer Anzahl ins Krankenhaus bringen. Grund ist das enthaltene Phytohämagglutinin(1), ein Lektin, und damit ein sogenannter Antinährstoff - und ein besonders potenter dazu. Dieser kann durch Einweichen (Wasser wegkippen) und Kochen(2) unschädlich gemacht werden - und muss es auch, damit die Bohnen überhaupt erst genießbar sind.

Beige/gelb: Vollkorngetreide enthält viele Inhaltsstoffe, die der Körper benötigt - jedoch auch Phytate, die dafür sorgen, dass diese Inhaltsstoffe (und andere, die gleichzeitig mit dem Vollkorn verzehrt werden) so gebunden werden, dass der Körper sie nicht aufnehmen kann. Sie können durch ausreichend lange Sauerteigführung unschädlich gemacht oder in ihrer Wirkung verringert werden.

Braun (3): Mandeln, besonders Bittermandeln(4), enthalten ein sogenanntes Cyanogenes Glykosid (Amygdalin), sowie das Enzym Beta-Glucosidase - das sind zwei unabhängig und getrennt gespeicherte Stoffe, die - wenn sie zusammengebracht werden - zu Cyanid (Blausäure) reagieren. Zusammengebracht werden sie zum Beispiel durch mechanische Zerstörung des Mandelkerns - auch bekannt als “Kauen”.

Grün: Rosenkohl und Brokkoli - Darlings der Ernährungsberatung - enthalten sogenannte Goitrogene: Stoffe, die beim Menschen die Kropfbildung unterstützen, indem sie die Jodaufnahme der Schilddrüse hemmen. Und Goitrogene kümmern sich nicht um ihren Platz im Regenbogen: Sojabohnen, Hirse, Cassava und sogar der blasse Blumenkohl enthalten sie ebenfalls.

Damit hätten wir schon - beispielhaft - diverse Farben des Regenbogens zusammen - und damit die weniger vorteilhaften Stoffe, die sie enthalten. (5)

Ach komm, das ist doch nicht alles giftig…

Stimmt: Nichts davon (außer Phytohämagglutinin) ist (für die meisten Menschen) akut giftig - viele dieser Lebensmittel sind von vielen Menschen tolerierbar. Die Toleranzschwelle ist aber bei allen unterschiedlich. Wie heißt es so schön?

Die Menge macht das Gift…

…aber niemand informiert uns, wie groß oder klein die Menge ist, niemand spricht vom Zeitraum der für die nicht-angegebene Menge gilt(6).

Schließlich wird man auch nach einer Zigarette nicht sofort mit Lungenkrebs ins Hospiz eingeliefert.

Exkurs: Verschiedene Verdauungssysteme:

Schauen wir uns an, wie verschiedene Tiere ihre Nahrung verdauen und mit Nähr- und Giftstoffen umgehen:

Monogastrische Verdauung (1)

Mensch, Schwein und andere haben ein relativ identisch aufgebautes Verdauungssystem. Vereinfacht: Mund, Speiseröhre, Magen, Dünndarm, Dickdarm.

Die Aufgabe des Dickdarms ist überwiegend der Entzug von Wasser - es wird auch ein wenig fermentiert, aber das ist verhältnismäßig wenig, und der Dickdarm ist überwiegend nicht für die Aufnahme von Nährstoffen zuständig.

Gifte gelangen direkt nach dem Magen in den Dünndarm - ohne dass sie vorher “behandelt” worden wären. Gifte werden daher nur in geringen Mengen toleriert. Eine der Folgen, wenn der Körper Giftstoffe erkennt, die er nicht tolerieren kann? Durchfall.

Monogastrische Verdauung (2): “Hind-Gut-Digesters, Dickdarm-Fermentierer”

Dickdarmfermentierer (wie Gorillas, Kaninchen, Pferde, Elefanten und andere) treiben das weiter: Wo der Mensch einen sehr kurzen Blinddarm hat, haben sie substanziell viel dieses beim Menschen als “Überbleibsel” vorhandenen Darm-Teils. Dort wird signifikant fermentiert, und die in diesem Teil des Darms lebenden Bakterien erzeugen notwendige Nährstoffe. Auch bei diesen Tieren ist der Dickdarm allerdings nicht für die Aufnahme der Nährstoffe ausgerüstet, daher müssen sie ihren eigenen Kot teilweise nochmal verzehren um sie aufzunehmen (7). 🤢

Auch bei diesen geraten Giftstoffe direkt vom Magen in den Dünndarm, auch sie tolerieren daher Gifte nur in begrenzten Mengen.

Wiederkäuer

Diese besitzen einen mehrstufigen Verdauungstrakt, in dessen unterschiedlichen Stufen Bakterien die Verarbeitung der Pflanzengifte bereits vor dem Passieren des Dünndarms unschädlich machen können, fermentieren und verwertbar machen. Sozusagen “Sauerteiggärung im Körper”.

Daher können Wiederkäuer mit einer ganzen Menge mehr Inhaltsstoffen umgehen als monogastrische Tiere - Menschen inklusive. Sie betreiben sehr effektives “Upcycling” von Antinährstoffen. Was für den Menschen das Einweichen, Fermentieren oder Kochen ist, ist bei der Kuh bereits von Natur aus eingebaut.

Iss den Regenbogen: Der andere Grund

Hier kommen wir jetzt aber zurück zum Grund, aus dem ich diesen zweiten Artikel zum Prinzip “Iss den Regenbogen” geschrieben habe, und der Umkehrung der Perspektive - mal wieder:

Was, wenn der Regenbogen nur eine willkommene Methode des “Hedging"(8) ist - die Verteilung eines Risikos? In Teil 1 war Hedging noch die sprachliche Hecke (“Iss so viel verschiedene Dinge wie möglich, vermutlich wird dann genug Gutes dabei gewesen sein”), hier ist es die Portfolio-Theorie: “Setze nicht alle Antinährstoffe auf eine Karte - Diversifiziere Dein Gift-Portfolio”.

Der Appell “iss den Regenbogen” führt bei Beachtung automatisch dazu, dass eine größere Vielfalt gegessen wird, somit die unterschiedlichsten Antinährstoffe aus jeder einzelnen Quelle automatisch in der Menge begrenzt werden.

Und wir hoffen, dass damit die akut toxische Schwelle - über die Dauer unseres gesamten Lebens, und für jede Person unterschiedlich - nicht überschritten wird.

Ich drücke die Daumen! 🤞(9)

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"Iss den Regenbogen"

Ein gern gehörter Ratschlag, und wie man ihn auch lesen kann, wenn man ihn kreativ und mit der gegenteiligen Erfahrung liest. Ein Rant

  1. Wikipedia: Phytohämagglutinin
  2. sprudelnd bei 100°C! Nicht im Slow-Cooker! Ausreichend lange!
  3. Ich weiß, Braun ist keine Regenbogenfarbe. Danke für die Korrektur, setzen.
  4. In Süßmandeln wurden diese Stoffe durch Züchtung verringert (aber nicht eliminiert). Übrigens geben Bittermandeln dem Marzipan erst den typischen Geschmack. Ohne dieses wäre es schlicht süße Mandelpaste. Und praktischerweise sind sie dort schon “vorgekaut” (10)
  5. Diese Liste ließe sich beliebig weiterführen: Alle Pflanzen sind giftig auf die eine oder andere Art und für die eine oder andere Spezies mehr, für andere weniger. Aber einige Giftmengen sind tolerierbar - zum Beispiel weil sie “herausgezüchtet” wurden und ihre Menge gering genug ist.
  6. Wikipedia: Paracelsus: “Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts, daß ein Ding kein Gift sei.”
  7. Wikipedia: Koprophagie, Caecotrophie
  8. Hedging war bereits in Teil 1 Bestandteil
  9. “Fingers crossed”, gekreuzte Finger, die angelsächsische Variante des Daumendrückens, die aufgrund ihrer dortigen Verwendung bereits ein eigenes Emoji hat - Daumendrücken sähe vermutlich zu sehr nach einer Faust aus.
  10. Blausäure hat einen sehr niedrigen Siedepunkt, und Marzipan wird im Produktionsprozess erwärmt, das meiste davon ist also im Endprodukt nicht mehr vorhanden: Ein weiteres Beispiel für die Notwendigkeit pflanzliche Lebensmittel schon vor dem Verzehr zu entgiften. Aber gut für eine weitere Pointe, die ich mir natürlich nicht verwehren konnte. (11)
  11. Hoffen wir mal, dass es nicht einreißt, Fußnoten für Fußnoten zu vergeben…