Auf dieser Website gibt es einen Insulin- und Blutzucker-Simulator. Dieser verdeutlicht den Zusammenhang zwischen Essen, Blutzucker- und Insulinanstieg (und natürlich den späteren Abfall der Spiegel). Aber warum ist das Insulin dabei?

Ganz einfach: ist ein Hormon mit vielen Aufgaben und Wirkungen im Körper, und in jedem Kapitel schaue ich mir einige davon an.

Heute geht es um Diabetes mellitus, oder auch Diabetes Typ 1 (T1D). Nach Typ 2 aus dem vorherigen Kapitel eine vielleicht merkwürdig anmutende Reihenfolge, aber ich habe sie aufgrund der Häufigkeit der beiden Varianten so gewählt.

Die Diagnose

T1D ist eine Autoimmunerkrankung. Dabei greift der Körper Gewebe aus der eigenen Bauchspeicheldrüse an, die normalerweise das Insulin erzeugen würde, das der Körper benötigt, um (unter anderem) Kohlenhydrate aus der Nahrung korrekt zu verarbeiten. Der Körper stellt damit nur noch wenig oder gar kein Insulin mehr selber her. Damit ist T1D (zu wenig Insulin) quasi das Gegenteil von T2D (zu viel Insulin). Am Ende ist die Auswirkung zwar die gleiche (zu hoher Blutzuckerspiegel), aber aus diametral unterschiedlichen Gründen.

T1D ist ein durchaus lebensbedrohlicher Zustand, denn Insulin ist lebenswichtig, und beim Ausbleiben von Insulin steigt ein Blutzuckerspiegel extrem an.

T1D tritt üblicherweise früh im Leben ein, oft in der Kindheit. Aber, seltener, als “LADA” (Latent Autoimmune Diabetes in Adults) auch später bei Erwachsenen.

Vor der Entdeckung und medizinischen Nutzbarmachung von Insulin, 1921/22 durch Banting und Best, wurde T1D unter anderem durch extrem geringe Nahrungszufuhr (quasi als Hungerkur) behandelt - auf diese Weise war eine Lebensverlängerung aber nur in der Größenordnung eines Monats erreichbar. (1)

Hypo Hyper

Bei T1D gibt es zwei völlig unterschiedliche Gefahrsituationen: Hyperglykämie und Hypoglykämie. Hyperglykämie bedeutet: Es liegt ein zu hoher Blutzuckerspiegel vor. Hypoglykämie ist das Gegenteil: Der Blutzuckerspiegel ist zu niedrig. Wie wir aus diesem Artikel wissen, benötigt der Körper eine gewisse Menge Kohlenhydrate im Betrieb. Bei einer Unterzuckerung liegt nicht genug vor. Das passiert gelegentlich, wenn das Insulin überdosiert wird, zum Beispiel weil das Essen nicht die erwartete Menge Kohlenhydrate enthält.

Auf einer Site, die sich überwiegend mit Low-Carb Ernährung beschäftigt, darf ein Begriff aus dem T1D Zusammenhang nicht fehlen - gleich mit der passenden Einordnung:

Ketoazidose vs Ketose

ist ein Zustand, der bei Hyperglykämie - also Überzuckerung - auftreten kann: Der Blutzuckerspiegel steigt enorm, aber der Körper kommt nicht an die Energie. Die Leber beginnt, Ketonkörper zu erzeugen - jedoch in einem überhöhten Maß. Ketonkörper sind sauer (“acid”), und zu viel davon kann im Körper zu einer Übersäuerung führen (Azidose).

Im Rahmen einer ernährungsbedingten liegen diese Ketonkörper in verhältnismäßig kleiner Zahl vor, und sind durchaus positiv zu bewerten. Im Rahmen einer Ketoazidose sind sie erheblich zu zahlreich und lebensgefährlich.

Ich höre immer wieder Berichte, dass diese beiden Begriffe selbst von medizinischem Personal für identisch gehalten werden - das ist nicht korrekt. Zwar haben beide mit dem Auftreten von Ketonkörpern zu tun, aber in der Ketose liegt immer ein normaler bis niedriger Blutzuckerspiegel vor, in Ketoazidose ein ausgesprochen überhöhter. Und die Menge an zirkulierenden Ketonen ist dramatisch unterschiedlich zwischen den beiden Zuständen.

Therapie

Der klassische medizinische Ansatz ist: Seit wir das Insulin künstlich hinzugeben können, machen wir das. Das Leben des Patienten kann genau so weitergehen wie bisher. Lediglich die korrekte Menge Insulin ist zu jeder Mahlzeit zu spritzen.

Das wird durch neue Technologie wie kontinuierliche Blutzuckermessung hervorragend unterstützt: Betroffene haben einen Überblick über ihren Blutzuckerspiegel über 24 Stunden. Verbunden mit einer Insulinpumpe ist das tatsächlich eine komfortable Option.

Wer jedoch selber dosieren muss, und nicht über diese kontinuierlichen Messungen verfügt, muss selber schätzen, was benötigt wird. Ein weiterer Grund selbst zu dosieren ist, wenn man es besser weiß als der Algorithmus im Gerät: Weil Hypoglykämie wirklich gefährlich ist, dosieren die Geräte das Insulin eher vorsichtig, sie korrigieren eher zu wenig, so dass am Ende der Blutzuckerspiegel dauerhaft leicht erhöht sein kann.

Und wer dann noch weiß, dass das körpereigene Insulin in seiner Wirkungsweise nicht so sehr auf Kohlenhydrate eingestellt ist, sondern auf Proteine, den wird interessieren, dass es sehr unterschiedliche Insulinpräparate gibt: Langwirkende Insulinvarianten werden als “Basis” einmal am Tag - oder eher selten - gespritzt. Schnellwirksames Insulin (die künstliche Variante ist tatsächlich eher auf Kohlenhydratstoffwechsel ausgerichtet) immer zu den Mahlzeiten.

Therapie simulieren

Wer die Simulation auf dieser Site ausprobiert, wird sehen, dass die Insulinantwort des Körpers auf identische Mahlzeiten nicht identisch ist: Sie hängt auch stark von der Zusammensetzung und der Reihenfolge des Essens ab. Die gleiche Menge Kohlenhydrate verhält sich im Körper anders, je nachdem ob sie mit Eiweiß und Fett aufgenommen wird, oder ohne. Sie verhält sich auch anders, je nachdem was man zuerst isst (einfach ausprobieren: Entrecote 10 Minuten vor weißem Reis und Fruchtsaft simulieren, dann umgekehrt)

Wer sich mit dem zubereiteten Essen auskennt, kann die Menge an Kohlenhydraten korrekt berechnen, aber wenn Reihenfolge und andere enthaltene Stoffe einen so großen Unterschied machen, ist die Dosierung des Insulins immer auch ein bisschen Glücksspiel.

Spiel, Sport und Stress, die den Blutzuckerspiegel von sich aus massiv beeinflussen können, sind da noch ganz außen vor.

Besonders schlimm ist das für Eltern, die für ihre frisch diagnostizierten Kinder dosieren sollen - die also nicht mal ihr eigenes Körpergefühl in die Dosierung mit aufnehmen können. Ich denke, dass allein die Notwendigkeit, Kindern regelmäßig eine Injektion zu geben zu sehr viel Vorsicht, Respekt und Angst führt. Und Berichte von Eltern bestätigen das.

Das Gesetz der kleinen Zahlen

Wer die Dosierung von Insulin tatsächlich ausprobiert, sollte verschiedene Ernährungsformen durchspielen. Die Simulation lässt sich zwischenzeitlich anhalten oder langsamer schalten, um zeitlichen Druck herauszunehmen.

Dabei gibt es diverse Dinge zu vergleichen:

Die Simulation erlaubt den Vergleich des eigenen T1D Stoffwechsels mit einem anderen Profil, das eine funktionierende Bauchspeicheldrüse simuliert. In der Sektion “Parameter” ist das Vergleichs-Profil einzustellen.

Idealerweise liegen die Glukose- und Insulin-Linien der eigenen Simulation und des Vergleichsprofils übereinander - in der Praxis geschieht das jedoch nie, aber das ist das eigentliche Ziel der Insulininjektionen.

Eine Lektion: Dr. Bernstein, ein als Kind diagnostizierter Typ-1 Diabetiker, der mit über 85 Jahren immer noch als Arzt praktizierte, hat das “Gesetz der kleinen Zahlen” formuliert:

Wer so isst, dass nur wenig Insulin dosiert werden muss, hat es deutlich einfacher, den Blutzuckerspiegel unter Kontrolle zu halten. (3)

Low-Carb oder gar ketogene Ernährung macht die Aufgabe zwar nicht unbedingt trivial, aber erheblich einfacher: Angenommen, man macht bei der Dosierung von Insulin (aufgrund der nicht einzuschätzenden biologischen Variablen) einen 10%igen Fehler: Wer aufgrund hoher Kohlenhydrat-Last 20 Einheiten spritzt, liegt ggf. 2 Einheiten daneben. Wer auf die Kohlenhydrate verzichtet und nur 2 Einheiten benötigt, weicht ggf. um 0,2 Einheiten ab. Das ist zwar immer noch nicht korrekt, aber verhältnismäßig leicht handzuhaben.

Die absolut unnötige Kombination

Low Carb mag zwar bei so manchem medizinischem Personal noch nicht als Option angekommen sein - für viele PatientInnen oder Eltern ist es jedoch eine willkommene Möglichkeit, selber bei der Problemlösung mitzuhelfen. Mal abgesehen davon, dass eine hohe Dosierung von Insulin über lange Zeit früher oder später auch zu Insulinresistenz führen kann. Ja - es ist möglich, als T1D PatientIn sich selber auch T2D überzuhelfen. Aber absolut unnötig.

Glücklicherweise hat man bei der Injektion einen genauen Überblick über die Menge Insulin, die man dem Körper verabreicht - und eine deutlich erhöhte Menge ist ein klares Indiz für eine sich entwickelnde Insulinresistenz. Ein Luxus, den man im normalen (T2D-)prädiabetischen Leben nicht hat.

Es ist nicht nötig, das Steuer herumzureißen…

… wenn man stattdessen gelegentlich kleine Richtungskorrekturen macht. Es macht einen großen Unterschied, ob man hohen Blutzuckerspiegel mit massivem Insulineinsatz unterdrückt, oder ihn gar nicht erst zustande kommen lässt.

Und wer Bedenken hat, dass das so sehr entgegen den üblichen Ernährungsrichtlinien geht: Diese gelten explizit nicht für T1D-PatientInnen!

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  1. Wikipedia: Geschichte der Diabetologie
  2. Weitere Erläuterungen im Seitentext auf der Profilseite, erreichbar über das Fragezeichen am rechten Rand oben auf der Seite
  3. Dr Richard K. Bernstein’s Diabetes Solution, dazu die Website
    In der Psychologie und Statistik beschreibt das “Gesetz der kleinen Zahlen” diabetes-book.com/laws-small-numbers/ (*) eigentlich einen Denkfehler (Menschen schließen fälschlicherweise von kleinen Stichproben auf die Gesamtheit). Dr. Bernstein hat diesen Begriff jedoch gekapert und rein mechanisch für den Diabetes-Stoffwechsel definiert.
    Sein Gesetz lässt sich in einem einzigen Satz zusammenfassen: Große Mengen führen zu großen Fehlern; kleine Mengen führen zu kleinen Fehlern.
  4. Wikipedia: Richard K. Bernstein (nur englisch) - Das exakte Ende seiner Zeit als praktizierender Arzt habe ich nicht gefunden, aber er hat bis kurz vor seinem Tod “Teleseminare” gehalten und auf YouTube veröffentlicht

(*) Anmerkung: Während ich das schreibe ist diabetes-book.com seit einiger Zeit offline. Ich weiß nicht, ob oder wann die Site wieder online kommt - das Buch gilt, ich verlinke meinen lokalen Buchladen um die Ecke, ohne Affiliate-Link, und vertraue darauf, dass alle wissen, wo man Bücher beziehen kann - und dass das auch der kleine Laden an der Ecke sein kann, der nicht täglich Fuß- und Radwege blockieren lässt.