
Geliefert wie bestellt
Krimi gefällig? Wie wäre es zur Abwechslung mal mit einem Krimi mit Fußnoten?
Als Einstieg in die Welt der wissenschaftlichen Studien möchte ich heute zu einem Paper raten, das mit Veröffentlichung dieses Artikels am 12. September 2026 seinen zehnten Jahrestag feiert. Am 12. September 2016 erschien “Sugar Industry and Coronary Heart Disease Research: A Historical Analysis of Internal Industry Documents"(1), von Cristin E. Kearns, Laura A. Schmidt und Stanton A. Glantz.
Auch wer des Englischen nicht 100% mächtig ist, wird dort einigermaßen durchfinden: Es handelt sich weniger um eine medizinische Arbeit als um eine historische Aufarbeitung. Die AutorInnen haben alten Schriftverkehr aus den 1960er Jahren recherchiert, und damit eine Einflussnahme der amerikanischen Zuckerindustrie auf medizinische Studien nachgewiesen: Die Arbeit enthält Auszüge aus und historische Einordnungen des Schriftverkehrs zwischen Harvard-Wissenschaftlern und Vertretern der “Sugar Research Foundation” (SRF), einer Branchenvereinigung der Zuckerindustrie.
6500 $
Für alle, die des Englischen gar nicht mächtig sind, oder aber das Paper nicht im Ganzen lesen möchten, gibt es einen Artikel(2) bei der UCSF (Universität von Kalifornien, San Francisco), der auch einfach maschinell übersetzbar ist. Hier eine sträflich verkürzte Zusammenfassung:
Die Harvard-Forscher haben ihre Studienergebnisse anscheinend eng mit ihren Auftraggebern aus einer Zucker-Branchenorganisation abgesprochen. Deren Urteil über das Ergebnis: “ganz das, was uns vorschwebte"(3). Bezahlt wurden sie mit 6.500 US$, etwa 48.900 US$ nach der Kaufkraft von 2016. Dafür lenkte ihr Literatur-Review die alleinige Schuld an gesteigerten Cholesterinspiegeln, und in Folge an Herzerkrankungen, auf Fettverzehr und entlastete Zucker.
Damals gab es zwei verschiedene Strömungen in Bezug auf koronare Herzerkrankungen: Die einen haben Fett verantwortlich gemacht, die anderen Zucker. Seit (und unter anderem wegen) der von Kearns et al. beschriebenen Veröffentlichung hat sich die Hypothese durchgesetzt, dass Fett der alleinige Verursacher von Herzerkrankungen - insbesondere angezeigt durch Cholesterin - sei.
Hypothese ist dabei genau das richtige Wort: In dieser Absolutheit ist sie bis heute nicht belegt.
Praktischerweise sind durch die dadurch entstandenen Empfehlungen, Fett zu meiden, eine Menge “Kalorien freigeworden”, die anders gedeckt werden mussten - eine Aufgabe, die die Zucker- und Nahrungsmittelindustrie gern angenommen hat. Damals, und insbesondere nach den ersten US-Ernährungsrichtlinien 1980, kamen fettarme Light-Produkte auf den Markt. Und Lebensmittel, denen man das Fett entzieht, schmecken erstmal nicht so gut…
Wenn man ihnen aber Zucker zusetzt, ändert sich das.
Am Ende der gut lesbaren Arbeit bleibt ein ungutes Gefühl zurück - wie viel Forschung ist gekauft? Ist das immer noch üblich?
Die gute Nachricht: Seit 1984 ist es übliche (und verlangte) Praxis, Interessenskonflikte in Studien - also beispielsweise solche Zahlungen - anzugeben. Auch wird die Finanzierung von Studien inzwischen klar angegeben.
Selbst das wird allerdings von der schlechten Nachricht überschattet. So packend und anschaulich die Schilderungen in der Arbeit auch sind, Kearns et al. schreiben explizit:
Es gibt keinen direkten Beleg dafür, dass die Zuckerindustrie das NEJM-Review-Manuskript geschrieben oder verändert hat; die Hinweise darauf, dass die Industrie die Schlussfolgerungen des Reviews geprägt hat, sind indirekter Natur.(4)
Der Schriftverkehr von damals enthält Anhaltspunkte für die Diskussion zwischen SRF und den Forschern, aber keine expliziten Aufforderungen - diese lassen sich nur indirekt schlussfolgern, daher gibt es nur starke Indizien. Die Zahlung hingegen gilt als belegt.
Die weiteren Aussichten…
Selbst die klar faktenbasierte Publikation blieb natürlich nicht ohne Antworten und Protestnoten (Letter to the Editor)(5,6), die ich hier aber nicht mehr zusammenfasse. Ein bisschen was bleibt schon noch selbst zu tun…
Berücksichtigt man aktuelle Forschungen zu Fetten, und insbesondere gesättigten Fetten(7), sowie zu Cholesterin, so zeigt sich, dass sich die damalige Arbeit tief in das öffentliche Bewusstsein eingegraben hat, obwohl eine sehr viel differenziertere Betrachtung schon lange geraten zu sein scheint:
Damals (bis in die 1970er Jahre) hat man nur “Gesamtcholesterin” gemessen: Ein Wert, der die bereits erkannten, aber nicht gut messbaren “guten” und “schlechten” Cholesterinarten enthält. Erst danach wurden beide getrennt ausgewiesen - allerdings zunächst mit der billigsten Methode: Der Berechnung(8) von LDL (von der heute bekannt ist, dass sie zum Beispiel bei sehr hohen oder sehr niedrigen Triglycerid-Werten krass falsche Ergebnisse liefert).
Heute unterscheidet man selbst LDL(9) nochmals in “gute” und “schlechte” und misst beispielsweise den Platzhalter ApoB. Allerdings ist dieser Unterschied noch nicht überall im klinischen Alltag angekommen (und definitiv Material für einen weiteren Artikel(10)).
Allein basierend auf dieser deutlichen Verfeinerung der Analysemethoden wären alte Ansichten also schon mal über Bord zu werfen. Was allerdings passiert ist, ist die Festsetzung der einmal publizierten Ansichten im gesellschaftlichen Gedächtnis: “Fett ist schlecht” - jüngst ergänzt durch: “Wir wissen, dass Zucker auch nicht besonders gut ist, außer er kommt direkt aus Früchten, und außerdem wollen wir niemanden zum Verzicht überreden - das ist schon alles ok(11)”. Und als Ergebnis gesteht uns die Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V. Überwiegend öffentlich finanzierte NGO, staatlich beauftragte Ernährungsinstanz mehr Zucker als Fleisch zu und bezeichnet das als ausgewogene Ernährung.
Ausgewogene Ernährung, oder 'balanced' im Englischen
Fazit
Zuerst die gute Nachricht, nochmal: Inzwischen werden Interessenskonflikte in Studien, sowie die Finanzierungsquellen, normalerweise angegeben. Und auch gleich der Spielverderber hinterher: Das ist leider kein Allheilmittel, wie wir in verschiedenen anderen Artikeln hier schon gesehen haben.
Es bleibt ein ungutes Gefühl: Wenn alles so ist, wie es in dieser Arbeit aussieht, wurde die kollektive Gesundheit der Welt für den Wert eines Autos verkauft. Erst ganz allmählich setzt sich die Ansicht durch, dass Fett vielleicht doch nicht ganz so schlecht ist, Zucker aber viel schädlicher als damals publiziert.










