
Evolutionäre Assoziation Kapitel 9: Jod
Die Ernährungsänderung
Seit den 1980er Jahren ist die Beschränkung des Salzkonsums in die Ernährungsrichtlinien eingeflossen - ich selber habe bei diversen Leuten fast schon eine Angst vor Salz wahrgenommen. Hauptgrund ist die Vermeidung von Bluthochdruck, aber andere kardiovaskuläre sowie Organ-Erkrankungen (insbesondere in der Niere) werden ebenfalls als Grund gehandelt.
Gleichzeitig ging die Belastung mit anderen Halogenen in die Höhe: Zahnpasta enthält Fluorid; Möbel, Autos und Elektronik enthalten Brom in Flammschutzmitteln. Die Ernährungsrichtlinien raten zu mehr und mehr pflanzlicher Ernährung - eine Form, die stark vereinfacht als “mehr Pflanzen == mehr gut” zusammengefasst werden kann.
Jod ist ein wichtiges Spurenelement, Hauptquellen sind jodiertes Speisesalz, Seefisch, Meeresfrüchte, Milch, Milchprodukte und andere tierische Lebensmittel(1): Seefisch und Meeresfrüchte beziehen ihren Jodanteil aus ihrer Umgebung, in Tierfutter ist es oft zugesetzt, weil sich gezeigt hat, dass die Tiergesundheit so besser gewährleistet werden kann. (Wir könnten das schon als Zeichen für die menschliche Ernährung ansehen - als ich zuletzt nachgeschaut habe, gab es durchaus große Parallelen zwischen Mensch und Tier…)
Allen diesen Jodquellen gemein ist, dass die aktuellen Ernährungsrichtlinien sie entweder limitieren oder sogar zu ihrer Minimierung raten - damit gerät automatisch auch das Jod unter die Räder.
Das Phänomen
Wir sehen seit dieser Ernährungsumstellung einen deutlichen Anstieg von Schilddrüsenerkrankungen - Funktionsstörungen, Knotenbildungen und Hashimoto.
Aber auch sonst nicht ganz unbekannte nicht-übertragbare Krankheiten(2) außerhalb der Schilddrüse, wie Herzrhythmusstörungen, Herzversagen, Osteoporose, kognitive Beeinträchtigungen bei älteren Menschen und sogar ungünstige Schwangerschaftsverläufe, sind mit dem Mangel an Jod verbunden und treten seitdem vermehrt auf(3).
Die biochemische Assoziation
Fangen wir mit einer der wichtigen Jod-Verwendungen im Körper an: Die Hormone T3 und T4 enthalten Jod als wichtigen Baustein - jeweils so viele Atome, wie die Zahl in ihrem Namen vorgibt. Wenn nicht genug Jod im Körper ist, werden diese Hormone knapp.
Jod zählt zur chemischen Gruppe der Halogene. Insbesondere bei Jodmangel kann es passieren, dass der Körper Brom einbaut - mehr noch, wenn gleichzeitig Brom reichhaltig vorhanden ist.
Das Immunsystem erkennt diese “falschen Hormone” als Fremdkörper und fängt an, das Gewebe zu attackieren, in dem es sie lokalisiert: die Schilddrüse. Das ist eine Autoimmunreaktion gegen die Schilddrüse(4) - auch bekannt unter dem Namen Hashimoto.
Fluorid (beziehungsweise Fluor) ist ebenfalls ein Halogen, aber hier habe ich nichts zum Einbau in Hormone gefunden. Dafür aber eine englische Beobachtungsstudie: Hausarztpraxen in Gebieten mit fluoridiertem Trinkwasser berichten eine fast doppelt so hohe Rate an Schilddrüsenunterfunktionen wie Praxen in nicht fluoridierten Gebieten(5). Die Studie benennt Fluorid ausdrücklich als Faktor neben dem Jodmangel, nicht an seiner Stelle. Und vergessen wir nicht, dass sich die Gebiete auch in anderen Aspekten unterscheiden - da es in dieser Serie ja ausdrücklich um Assoziationen geht, passt die Studie hier prima.
Aber Halogene sind nicht alles, was Jod verdrängen kann, sondern nur die oft gehandelten ersten Verdächtigen - und vermutlich nicht einmal die wichtigsten. Wirkungsvoller scheinen nach meiner Recherche andere Stoffe: Perchlorat(6) (na gut, enthält auch das Halogen Chlor, mit dem der Körper selbst aber sehr gut umgehen kann), Thiocyanat(7) (kein Halogen, aber ein sogenanntes Pseudohalogenid) und Nitrat - anders als Brom landen diese aber nicht im fertigen Hormon, sondern drängeln sich auf dem Weg dahin vor: Sie hemmen entweder den Einbau von Jod, bevor er stattfindet, oder verhindern schon vorher, dass es überhaupt in die Schilddrüse gelangen kann. Auf diese Weise reicht es, wenn eine lokale Jod-Knappheit genau da besteht, wo diese Hormone gebaut werden. Damit unterscheidet sich die Wirkung dieser Stoffe sehr von der Auslösung einer Autoimmunität(4).
Dazu kommt noch: Frauen sind aufgrund ihres Östrogenstoffwechsels sensibler in Bezug auf ihre Schilddrüsenfunktion, was als eine Erklärung für das häufigere Auftreten dieser Art von Problemen bei ihnen gilt. Das war “schon immer” so, fällt aber durch die Häufung der Fälle besonders auf. Aktuell liegt das Verhältnis der Schilddrüsenerkrankungen zwischen Frauen und Männern bei ca. 8:1.
Lecker Halogensalat?
butterbei.de wäre nicht butterbei.de, wenn es nicht noch einen anderen Aspekt gäbe - und insbesondere, wenn es so einfach ist, damit mal wieder auf die Ernährungsrichtlinien einzudreschen:
Eingangs habe ich bereits erwähnt, dass die Ernährungsrichtlinien uns zu mehr und mehr salzarmer pflanzlicher Ernährung raten, und damit die Hauptquellen von Jod mehr und mehr in den Hintergrund geraten. In allen Statistiken, die ich gesehen habe, halten sich Frauen sehr viel “vorbildlicher” an die Richtlinien als Männer das tun. Und auch “Milchalternativen” sind nach meiner Kenntnis bei Frauen populärer als bei Männern - die Richtlinien sagen nichts zu ihnen, die Gesellschaft normalisiert sie derzeit. Gleichzeitig scheinen sie genug Wirkung auf die Gesundheit zu haben, dass sie sogar explizit im Untertitel eines Artikels der WHO(2) zu Jodmangel in Europa erwähnt werden.
Warum ist das erheblich? Wer hier schon länger liest, erinnert sich vielleicht an die Erwähnung von Goitrogenen(8) - das sind “kropfbildende Stoffe”, die in einigen Pflanzen vorkommen, aber auch die oben angesprochenen Perchlorat und Thiocyanat zählen dazu.
Für Perchlorat gibt es laut Wikipedia sogar Maximalwerte in Lebensmitteln (in der EU), und Thiocyanat entsteht unter anderem im Abbau von Cyaniden, die uns bereits im Zusammenhang mit Mandeln untergekommen sind.
Nun ist Brokkoli als goitrogenhaltige Pflanze sicher nicht das größte Problem, aber in verschiedenen Teilen der Welt sind Maniok und Hirse Grundnahrungsmittel. Wenn diese nicht fachgerecht zubereitet werden, machen sie ernsthafte Probleme - sie enthalten eine andere Größenordnung an Goitrogenen, die vor dem Verzehr unbedingt unschädlich gemacht werden müssen.
Fazit
Erhöhte Anfälligkeit für jod-basierte Probleme, in Kombination mit verringerter Aufnahme von Jod sowie potenziell erhöhtem Anteil von Goitrogenen in der Nahrung durch richtlinienkonformen Pflanzenverzehr? Das scheint mir ein perfekter Sturm für Schilddrüsenprobleme und andere jodabhängige Symptome zu sein. Ich kann und will hier keinen der einzelnen Punkte als die Ursache herausstellen. Aber wenn alle diese Aspekte in die gleiche Richtung zielen, wundert es mich nicht, wenn mit ihrer Kombination das vermehrte Auftreten von Problemen erklärt werden kann.
Persönlich erscheint es mir fragwürdig, zumindest bei festgestelltem oder vermutetem Jodmangel weiter alle Hauptquellen von Jod zu meiden, und stattdessen solche Lebensmittel zu konsumieren, die es dem Körper noch schwerer machen, das wenige vorhandene Jod zu verwerten.
Supplementation (Nahrungsergänzungsmittel) oder Fortifikation (Zusatz von Jod zu Lebensmitteln) sind Auswege. Die WHO schlägt im genannten Artikel die Fortifikation vor: Wenn die natürlichen Quellen nicht mehr verzehrt werden, kippen wir eben was in die industriell erzeugten Ersatzprodukte. 🤷
Aber wenn meine Badewanne sich zu schnell leert, überprüfe ich zuerst den Stöpsel auf Dichtheit, statt den Wasserhahn weiter aufzudrehen.










