
Evolutionäre Assoziation Kapitel 8: Dünger
Pflanzen wachsen nicht von alleine - sie brauchen Nährstoffe aus dem Boden - und der Mensch stellt ihnen einige davon zur Verfügung.
Die Ernährungsänderung
Industrielle Landwirtschaft benötigt für ihren hohen Ertrag Dünger - der ist normalerweise(1) einfach und universell verfügbar.
Anfang des 20. Jahrhunderts wurde das Haber-Bosch-Verfahren(2) entwickelt, das die Herstellung von Ammoniak als wertvollem Grundstoff des Stickstoffdüngers im industriellen Maßstab erlaubt. Praktisch der gesamte Ammoniak-Bedarf wird heute durch dieses Verfahren erzeugt - dieses Verfahren allein ist laut Wikipedia für 1,4 bis 3 % der jährlichen weltweiten CO2-Emissionen und 1 bis 2 % des jährlichen Energieverbrauchs verantwortlich.
Aber Stickstoff allein reicht nicht, und so werden weitere Stoffe zugemischt, zum Beispiel in NPK-Dünger(3). Dadurch bekommen Pflanzen eine Menge Nährstoffe, die sie für ihr Wachstum brauchen. Sie können, genauso wie Mikroorganismen, aus den Bestandteilen Aminosäuren (die Bausteine von Eiweiß) bilden, und die Ernte fällt größer aus, als das ohne Dünger der Fall wäre.
Außerdem empfehlen uns die Ernährungsrichtlinien, mehr als die Hälfte der benötigten Energie in Form von Kohlenhydraten zu uns zu nehmen - wir erinnern uns: Das sind die Stoffe, die zu Zucker - genau genommen Glukose - abgebaut werden, und somit den Blutzucker- und Insulinspiegel in die Höhe treiben.

Nährstoffaufnahme
Überraschender Effekt bei der Aufnahme von Nährstoffen, am Beispiel von Magnesium aus Weizen: Warum mehr nicht immer besser ist…
Neuer SimulatorDas Phänomen
Jede landwirtschaftlich genutzte Fläche bietet seit dem Einsatz von Mineraldünger mehr und mehr Ertrag. Die Zucht neuer (schneller wachsender, größerer) Sorten sowie der Düngereinsatz sorgen dafür, dass mehr und mehr geerntet wird. Obwohl Hunger leider in einigen Teilen der Welt immer noch ein Thema ist: in vielen Teilen der Welt (und ich schreibe diesen Artikel aus deutscher Sicht) gibt es ausreichende Mengen an Nahrungsmitteln.
Trotz dieser im Allgemeinen guten Nahrungsmittelversorgung gibt es mehr und mehr Mangelerscheinungen. Diese manifestieren sich zum Beispiel in nächtlichen Wadenkrämpfen, Muskelverspannungen (“Ich habe Rücken”), Herzrhythmusstörungen, einer Bevölkerung, die schlecht schläft und vielen anderen Symptomen.
Die biochemische Assoziation
Größere Erträge in der Landwirtschaft aus der gleichen Fläche bedeuten auch, dass mehr Nährstoffe dem Boden entzogen werden. Um das auszugleichen, sind die Mineraldünger da. Unglücklicherweise enthalten sie eine Menge von den Stoffen, die eine größere Ernte mit mehr Makronährstoffen erlauben, aber der Anteil der Mikronährstoffe im Boden (zum Beispiel Mineralien) wird durch sie nicht erhöht - im Gegenteil: Sie werden durch das Dünger-induzierte verstärkte Pflanzenwachstum dem Boden stärker entzogen, als das vorher der Fall war.
Betrachten wir als Beispiel Magnesium - es ist kein Teil der N-P-K Dünger, und ein kollektiver Mangel an diesem Mineralstoff führt zu genau den Symptomen, die ich oben aufgeführt habe(4). Die Böden gelten inzwischen als magnesiumarm.
Tatsächlich wurde das identifiziert, sowohl von der Nahrungsmittelindustrie als auch von der Landwirtschaft: Magnesium ist eines der meistverkauften Nahrungsergänzungsmittel, und wird in einigen Fällen ebenfalls dem Boden wieder zugeführt. Einfach ist das weder auf dem Acker noch im Menschen, denn es kommt auf die Bioverfügbarkeit an: Was in einer Form vorliegt, die Pflanze oder Mensch nicht verwerten können, ist teuer eingekauft aber trotzdem weg.
Aber das greift zu kurz: Magnesium ist nicht der einzige Mikronährstoff, den wir benötigen. Diese Geschichte ist für jeden anderen Mikronährstoff zu wiederholen. Für alle bekannten, und für alle unbekannten. Denn was nicht im Boden ist, landet auch nicht in der Pflanze, und in Folge dann auch nicht im Menschen.
Und selbst das kann man noch steigern: Je größer, “aufgeblasener” die Ackerfrüchte ausfallen, desto geringer konzentriert sind Mikronährstoffe, wenn allein die gleiche Menge eines Stoffes auf ein größeres Volumen (der Ernte) verteilt wird. Da müssen die Böden noch nicht mal ausgelaugt sein - aber nach wenigen Erntezyklen ohne Ausgleich sind sie auch das.
Wir sehen die Schwierigkeiten, die sich daraus ergeben, gell?
Was macht Magnesium eigentlich?
Viele kennen vielleicht das Hausmittel gegen Krämpfe: Magnesium. Es ist an rund 300 Enzymreaktionen im Körper beteiligt(5) - mal als Bestandteil des Enzyms, mal als Coenzym - und wird insbesondere bei der Entspannung von Muskeln und Nerven benötigt, sowie als Katalysator in der Energiebereitstellung durch ATP (die eigentliche “Energiewährung” des Körpers).
Beim Abbau von Glukose ist Magnesium an ca. 30 Schritten beteiligt. Die Schritte sind so viele (Glykolyse(6), Citratzyklus(7), Atmungskette(8)), dass ich mir trotz des Kapiteltitels die konkrete Biochemie an dieser Stelle spare. An einigen Stellen hört sich das an wie ein Verbrauch - es ist aber “nur” ein Katalysator (oder Enzymbestandteil), der eben gerade nicht verbraucht wird.
Aber selbst das ist noch nicht alles, auf das ich hinaus will. Nachdem uns die Ernährungsrichtlinien dazu ermuntern, viele Kohlenhydrate zu essen, gibt es natürlich noch einen Aspekt, der auf butterbei.de nicht fehlen darf:
Zucker (Glukose) und Magnesium
Bei hohem Blutzucker- und Insulinspiegel funktioniert die Rück-Resorption von Magnesium in der Niere nicht mehr richtig(9). Beides wirkt dabei unabhängig voneinander: der Blutzucker auch ohne erhöhtes Insulin, das Insulin auch ohne erhöhten Blutzucker. Damit wird mehr Magnesium im Urin ausgeschieden und steht daher dem Körper gar nicht mehr zur Verfügung. Sofern die Landwirte für ihren Acker also den teureren Magnesium-angereicherten Dünger verwenden, oder wir sogar Magnesium selbst supplementieren, können wir es gleich wieder ausscheiden, wenn unser Blutzucker- und Insulinspiegel zu hoch sind.
An anderen Stellen meckere ich gern über Antinährstoffe, die dafür sorgen, dass Mikronährstoffe vom Körper nicht aufgenommen werden - hier sorgt ein (Nicht-essenzielle Nährstoffe sind solche, die der Körper zwar braucht und verwerten kann, aber die er selbst aus anderen Nährstoffen herstellen kann. Sie müssen nicht über die Nahrung aufnehmen muss.) Makronährstoff (Glukose, Kohlenhydrat) dafür, dass bereits vorhandene Mikronährstoffe wieder ausgeschieden werden, und auf diesem Wege ein Mangel entstehen kann.
Ich empfehle mal wieder den Simulator, um Blutzucker- und Insulinspiegel zu ergründen. In diesem Fall die Vergleichsfunktion, die es erlaubt, ein gesundes Stoffwechselprofil mit einem prädiabetischen oder diabetischen Profil zu vergleichen. Es ist unmittelbar sichtbar, wie viel höher Kurven in den beiden Vergleichsfällen sind.
Die Lösung: mehr düngen?
Zuerst konnte man ja sagen: Prima - wir wissen davon, also nehmen wir unser Magnesium zusätzlich ein, oder streuen es mit dem NPK-Dünger auf den Acker.
Dann erinnern wir uns an den vierten Rumsfeld-Quadranten “wir wissen nicht, was wir nicht wissen”, und fragen uns, was wir außer Magnesium noch auf den Acker kippen müssten, und ob andere Mikronährstoffe ein ähnliches Schicksal im Körper haben.
Wer eine ähnlich sarkastische innere Stimme hat wie ich und motiviert genug ist, sich von sozialen Normen (Brot+Pasta) zu entfernen, hat eine andere Wahl und senkt den Blutzuckerspiegel - eine ketogene Ernährung hilft dabei massiv, und sorgt dafür, dass der Körper zumindest sein einmal aufgenommenes Magnesium nicht gleich wieder ausleitet.
“Phänomen-al”: nachgemessen
Im Rahmen der Recherche zu diesem Artikel hat sich ein Punkt konkretisiert, den ich bereits in Kapitel 6 über Sauerteig thematisiert habe: Die angebauten Sorten. Dort schrieb ich über Zwergweizen, der “auch andere Eigenschaften mitbringt”. Hier ist eine davon:
Im englischen Rothamsted läuft seit 1843 ein Weizen-Feldversuch, dessen Ernten archiviert wurden - man kann also die Körner von 1845 und die von heute im selben Labor mit demselben Verfahren untersuchen(10). Ergebnis: Zink, Eisen, Kupfer und Magnesium blieben bis Mitte der 1960er stabil und sanken erst danach - genau ab der Einführung der neuen, ertragreichen Zwergweizensorten. Im Boden derselben Felder blieben die Gehalte dagegen gleich oder stiegen sogar(11). Es war also nicht der ausgelaugte Boden. Es war der Ertrag, bzw. die angebaute Sorte(12).
Woran das liegt, schreiben die Autoren gleich selbst dazu:
Die moderne Pflanzenzucht war historisch auf höheren landwirtschaftlichen Ertrag ausgerichtet, und nicht auf die ernährungsphysiologische Qualität.
Das ist keine Verschwörung, sondern eine Zielvorgabe(13). Wer auf Ertrag züchtet, bekommt Ertrag. Auf Magnesium hat nie jemand selektiert.
Und auch hier gilt: Magnesium ist nur ein Beispiel - für alle anderen Mikronährstoffe gilt das Gleiche. Für bekannte, und für unbekannte.
Fazit
Es scheint, wir haben bei dem Bestreben der Bevölkerung genügend Kalorien zu verschaffen, aus den Augen verloren, dass “Treibstoff” bei weitem nicht der einzige Grund ist, aus dem wir essen. Aber solange eine Ernte in Gewicht, und nicht in Qualität gemessen und bezahlt wird, stimmen die vorherrschenden Anreize im System schlicht nicht mit dem überein, was ich von meiner Nahrung erwarte.
Das angegebene Beispiel Weizen/Magnesium erscheint mir wie der perfekte Sturm: “Iss Dinge, die gleichzeitig wenig Magnesium bereitstellen, und den Körper dazu bringen, es auch vermehrt auszuscheiden.”
Dieser Vollkorn-Gesundheits-Halo: Kann ich den bitte nochmal sehen? Mein Blick scheint getrübt.









