
Evolutionäre Assoziation Kapitel 5: Kommt es auf die Größe an?
Die Ernährungsänderung
Die Ernährungsgewohnheiten haben sich im Laufe der letzten ca. 100 Jahre massiv verändert - mit ihnen die verwendeten Lebensmittel, Behandlung dieser, sowie die ständige Verfügbarkeit von ausreichenden Kalorien - allerdings gleichzeitig mit verringerter Nährstoffdichte. Inzwischen machen Kohlenhydrate den Großteil der Energieaufnahme aus, und Lebensmittel sind nicht nur saisonal/lokal verfügbar, sondern ständig und global.
Die üblichen Ernährungsrichtlinien erwähnen gelegentlich Rahmenbedingungen, aber eigentlich ignorieren sie Aspekte wie Lokalität, Saisonalität, und oft auch Verarbeitungsgrad.
Für viele der empfohlenen Lebensmittel sind notwendige Behandlungsschritte kein Teil der Empfehlungen, was leicht dazu führen kann, dass eigentlich in der Nahrung enthaltene Nährstoffe für den Körper nicht verfügbar sind. Als Beispiel sei hier die Sauerteig-Fermentation für Vollkorngetreide angebracht, ohne die viele Nährstoffe im Getreide nahezu vollständig nicht verfügbar sind - im Gegenteil: Viele Antinährstoffe bleiben enthalten, die auch die Nährstoffe in anderen, gleichzeitig verzehrten Lebensmitteln binden.
Eine genauere Betrachtung des Sauerteigs gibt es im nächsten Kapitel dieser Serie.
Mehr über Sauerteig und Fermentation
Evolutionäre Assoziation Kapitel 6: Sauerteig
Warum modernes Turbo-Brot den Körper belastet - und wieso Lockdown-Sauerteig zufällig richtig lag: lange Fermentation verdaut vor, was der Darm nicht kann.
Weiterlesen →Darüber hinaus betrachten wir die ständig überall verfügbare, durch entsprechende Behandlung und Kühlung haltbare Milch und Milchprodukte, die - allein durch ihre verbesserte Haltbarkeit bedeutend besser verfügbar sind als jemals in der Menschheitsgeschichte.
Das Phänomen
Wenn wir uns verschiedene biologische Merkmale der Menschen über die Vergangenheit ansehen, finden wir einige Auffälligkeiten. In der sehr langfristigen Betrachtung (die in dieser Serie überwiegend ausgeklammert bleiben soll, hier aber für den Kontext wichtig ist) können wir feststellen, dass Menschen vor der landwirtschaftlichen Revolution um einiges größer waren als danach, und eine sehr viel höhere Knochendichte hatten. Gleichzeitig mit der Verringerung der Körpergröße verkleinerte sich auch das menschliche Gehirn. Die Änderung erfolgte nahezu unmittelbar mit der Änderung der Ernährung beim Aufkommen der Landwirtschaft.
In den letzten 100-150 Jahren können wir hingegen feststellen, dass Menschen wieder größer wurden. Die Körpergröße korreliert gleichzeitig mit immer früherer Pubertät bei Kindern, sowie einer erhöhten Anfälligkeit für Krebserkrankungen.
Die biochemische Assoziation
Der Wachstumsbefehl
Die Zunahme der Körpergröße scheint andere Gründe zu haben, als ihre Abnahme beim Aufkommen der Landwirtschaft. Das ist unter anderem zu erkennen an der - trotz größerem Körper - geringeren Knochendichte. Als naheliegende Ursache des aktuellen Größenwachstums wurde IGF-1 als wichtiger Faktor ausfindig gemacht: Sein Name steht für “Insulin-like Growth Factor 1"(1).
“Insulin-like” sagt uns schon, dass dieser Name natürlich auf butterbei.de behandelt werden muss. Es handelt sich um einen Wachstumsfaktor, der abhängig vom Insulinspiegel ist: IGF-1 wird von der Leber produziert - wenn Insulin im Übermaß vorliegt, werden die Rezeptoren für Wachstumshormone in der Leber empfindlicher: Viele verfügbare Kohlenhydrate führen zu hohem Insulinspiegel, die Leber wird empfänglich für Wachstumshormone, mehr IGF-1 wird produziert.
IGF-1 aktiviert einen wichtigen Schalter des Zellwachstums, mTOR(2).
Unsere Ernährungsrichtlinien empfehlen uns, den überwiegenden Teil unserer Energie aus Kohlenhydraten aufzunehmen - egal, welche Art von Kohlenhydraten wir betrachten: Das ist eine Garantie für einen mehr oder weniger dauerhaft erhöhten Insulinspiegel - und damit die hier dokumentierten, davon abhängigen Prozesse. Das zeigt uns auch der Simulator.
Milch bringt noch ihre eigenen Mechanismen mit: Bei Milch handelt es sich um ein Lebensmittel, das eigentlich dafür gedacht ist, die jungen Lebewesen besonders zum Wachstum anzuregen (und entsprechende Hormone und Signalgeber enthält). Milch hat trotz ihres geringen Zuckeranteils einen messbaren Einfluss auf den Insulinspiegel - über das enthaltene Protein(3), und somit wieder auf die IGF-1 -> mTOR Kaskade…
Circa 10% des Milcheiweißes sind Leucin(4), eine essenzielle Aminosäure, die ihrerseits ein direkter Aktivator von mTOR ist.
Wenn der menschliche Körper jetzt dauerhaft erhöhte Wachstumsanregungen bekommt, und diesen folgt, kommt in den richtigen Lebensphasen (in der Jugend) ein erhöhtes Längenwachstum dabei raus - ergo: Menschen werden größer als in anderen Ernährungsszenarien. Die Ernährung - insbesondere in der westlichen Welt, und dank der Ernährungsrichtlinien dabei besonders die große Portion Kohlenhydrate - ist überwiegend sichergestellt, und zwar ganzjährig. Die Wachstumsimpulse können so sehr einfach und effizient aufrecht erhalten werden, Menschen werden größer.
Verlängerung
Die Dimension Längenwachstum steht vor allem in der ersten Phase des Lebens offen - und ist der eigentliche Anlass dieses Artikels: Kinder und Jugendliche wachsen in die Höhe, und einige Mechanismen dafür haben wir oben angesprochen. Ihr Fehlen - sowie das Fehlen geeigneter Baustoffe - wirken dagegen hemmend auf das Wachstum. Da wir oben festgestellt haben, dass Menschen seit einiger Zeit wieder größer werden als zu Beginn der landwirtschaftlichen Revolution, scheinen die Wachstumsfaktoren derzeit zu gewinnen.
Bei überraschend geringem Wachstum würde ich allerdings durchaus auch die Verfügbarkeit der Baustoffe - die Qualität der aufgenommenen Lebensmittel - untersuchen. Insbesondere auf die Bioverfügbarkeit der Nährstoffe ist hier zu achten. Diese ist - auch wenn das gar nicht dem aktuellen Trend entspricht - bei tierischen Lebensmitteln am höchsten.
Spätestens wenn der Körper mit dem Längenwachstum abgeschlossen hat, aber weiterhin viele Wachstumssignale bekommt, gibt es andere Richtungen und Dimensionen, die für das Wachstum herhalten müssen (und seitens des Stoffwechsels plausibel sind):
Verbreiterung
Zum einen ist das das Breitenwachstum - oder in einer anderen Dimension ausgedrückt: Das Gewicht. Mit dieser wachstumsfördernden Ernährung geht früher oder später auch gern das Übergewicht einher.
Wucherung
Zum anderen ist das aber auch ein Tumorwachstum. Was mich dabei am meisten fasziniert hat, ist der Nachweis, der gelegentlich für Krebs im Körper gewählt wird: Es wird ein Kontrastmittel gespritzt (markierte Glukose), und in bildgebenden Verfahren (5) nachgewiesen, wo diese Glukose besonders intensiv verarbeitet wird: Das sind in der Regel die Tumore, ggf. Metastasen, die bei vielen Krebsarten besonders auf Glukose zur Energiegewinnung angewiesen sind, und daher den Zucker regelrecht anziehen. (6)
Low Carb als lohnende Maßnahme
Verzicht auf Zucker oder Kohlenhydrate ist sicherlich kein Allheilmittel, aber die dahinterstehenden biochemischen Wirkmechanismen sind so überzeugend, dass es auf jeden Fall wie eine lohnenswerte Maßnahme ohne negative Begleitumstände scheint, wenn man zur Krebsvorsorge wie auch begleitend zur Behandlung eine Low-Carb-Ernährung erwägt.
Ich führe diese Optionen hier auf, weil viele PatientInnen sich wünschen, auch selbst zu ihrer Behandlung beizutragen. Und selbst wenn (oder falls?) eine Low-Carb Ernährung nicht gegen Krebs hilft: Meine persönlichen Erfahrungen damit sind so gut, dass ich allein die positive Wirkung auf das eigene Empfinden, den erreichbaren Fokus, vorziehen würde.
Auch falls Ernährung nicht gegen Krankheiten hilft: Mir wäre es wert, die Lebensqualität so deutlich zu verbessern, wie ich es (auch ohne eine kurzfristig lebensbedrohliche Krankheit am Horizont) selber erfahren habe.
Verzicht auf Kohlenhydrate kommt vielen oft wie eine Entbehrung vor. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen: Ich möchte nicht mehr “auf diese Entbehrung verzichten”: Ja, es gibt leckere Sachen mit Kohlenhydraten. Aber wenn man 2 Minuten Geschmack gegen 24 bis 48 Stunden Wohlbefinden und Fokus eintauscht (das ist meine persönliche Erfahrung mit wirklich gutem Croissant), ist die Entscheidung enorm einfach. Wenn man einmal gesehen hat, wie das Leben sich auch anfühlen kann.
















