
Evolutionäre Assoziation Kapitel 2: Fruchtbarkeit
Die Ernährungsänderung
Seit den 1970er Jahren, oder spätestens den 80ern, als die ersten Ernährungsrichtlinien aufkamen, galt Fett - besonders Fettsäuren ohne reaktiven Molekülbestandteil - normalerweise fest bei Raumtemperatur. Üblicherweise tierische Fette. → mehr - als “zu vermeiden”, und die Energieaufnahme sollte überwiegend durch Kohlenhydrate erfolgen. Fleisch sollte mager sein, und wenn schon Fette in der Nahrung sind, dann doch wenigstens solche pflanzlichen Ursprungs. Mal ganz zu schweigen von Cholesterin - der (neuen) Wurzel allen Übels.

Gleichzeitig kam die Aufforderung zu exzessivem Sport auf. Ältere erinnern sich vielleicht noch an sehr farbenfrohe Aerobic-Videos (natürlich auf VHS, oder im linearen Fernsehen) zum Mitmachen. Jüngere kennen sie vielleicht als Memes.
Ich erinnere mich noch, dass ich es befremdlich fand, dass mein Vater gern das fettigere Fleisch genommen hat - während ich, weil ich es kaum anders kennengelernt habe, das Fett gern abgeschnitten und liegen gelassen habe.
Gleichzeitig wurden auch Diäten populär - meist nach dem Prinzip der Kalorienbilanz: Wer zugenommen hat, hat wohl zu viel gegessen, und sich zu wenig bewegt. Drastische Einschränkungen der Kalorienaufnahme - besonders bei Frauen - wurden populär, gesellschaftsfähig und üblich. “FDH” - Friss die Hälfte - und die “Brigitte-Diät” waren damals übliches Vokabular.
Wissenswertes über die Kalorienbilanz
Kalorienbilanz: Ursache oder Wirkung?
Eine Einladung zur Umkehr der Kausalität: Warum es wenig hilfreich ist Gewichtsabnahme durch geringere Kalorienzufuhr zu erklären
Weiterlesen →Das Phänomen
👨 Spermienanzahl und -qualität
Seit den 1970er Jahren ist die Zahl der männlichen Spermien um rund 50% gesunken (1), und der Testosteronspiegel ist - altersunabhängig - jährlich um etwa 1% zurückgegangen.
Für den gleichzeitigen Rückgang der Geburtenrate gibt es jede Menge weitere Erklärungsansätze, aber da es in dieser Serie um Assoziationen geht, bringe ich hier schon mal eine Assoziation frühzeitig. (einer dieser weiteren Erklärungsansätze folgt gleich, noch in diesem Artikel)
Bei der Fruchtbarkeit werden Männer zwar benötigt, tragen aber einen erheblich geringeren Anteil am Prozess als Frauen - die Hauptlast der Fortpflanzung liegt eindeutig bei der Frau. Dazu kommt: Bei Frauen fallen Erfolg und Misserfolg unmittelbar auf, egal wo die Ursache liegt; beim Mann nur der Aufwand. Es wird also niemanden verwundern, dass es zur weiblichen Seite erheblich mehr zu sagen gibt:
👩 Ausbleibende Menstruation
Ich persönlich habe früher häufiger von einem fast gegenteiligen Problem gehört: Mädchen kommen früher und früher in die Pubertät, haben also früher und früher eine Menstruation.
Was ich erst im Zuge der Ernährungs-Recherchen gefunden habe, ist, dass bei mehr und mehr Frauen die Menstruation früher oder später ganz ausbleibt oder sehr unregelmäßig erfolgt - häufig, ohne dass die Medizin ihnen helfen kann.
👩 PMS (Prämenstruelles Syndrom)
Dieses Syndrom kommt im Zusammenhang mit einer Menge anderer Phänomene, darunter: Unregelmäßige Zyklen, frühe Fehlgeburten oder die Unfähigkeit, überhaupt schwanger zu werden (Lutealphasendefekt).
All diese Phänomene sind verwandt, treten inzwischen gehäuft auf und passen gut in diese Sammlung.
👩 PCOS (Polyzystisches Ovarialsyndrom(2))
Noch etwas, von dem ich früher selten gehört habe, aber das inzwischen explosionsartige vorzukommen scheint: PCOS ist heute eine der häufigsten Ursachen für Unfruchtbarkeit, begleitet von Akne, Änderung der Behaarung zu einer eher männlich assoziierten Form(3).
👩 Follikelqualität und Transport der Eizelle
Hierbei geht es um die schlechte Eizellenqualität, die insbesondere bei künstlichen Befruchtungen (IVF) festgestellt wird, wenn man die Eizelle direkt betrachten kann. Das impliziert natürlich auch, dass man erst einmal IVF-Hilfe in Anspruch genommen hat, weil eine natürliche Schwangerschaft anscheinend nicht zustande gekommen ist.
Die biochemische Assoziation
👩👨 geschlechtsunabhängig
Zunächst: Nahezu alle beobachteten Phänomene lassen sich letztlich biochemisch (vereinfacht) mit der gleichen oder einer verwandten Ursache erklären: zu geringe Fettaufnahme.
Die direkt damit verwandten Ursachen, die ich für verwandt genug halte, um sie hier zusammenzufassen, sind: zu hohe Kohlenhydrataufnahme (durch irgendwas muss das fehlende Fett ja ausgeglichen werden) und Mikronährstoffmangel, besonders an fettlöslichen Vitaminen.
Vorsorglich verweise ich schon mal auf den Artikel, der hoffentlich eventuell vorhandene Bedenken gegenüber Fett und Cholesterin hilft auszuräumen:
Warum Fett und Cholesterin gesund sind (und welches...)
Aber dein Cholesterin, dein Herz...
Wer über ketogene Ernährung hört, fragt sich häufig, ob so viel Fett gesund ist. Die Denkweise ist verbreitet, aber auch veraltet: Die Wissenschaft ist inzwischen weiter.
Statt jede Überschrift von oben einzeln anzugehen, fange ich mit einer verbreiteten Anekdote an:
👨 auf der männlichen Seite
Cholesterin ist kein “Gift”, sondern das essentielle Basis-Substrat für alle Steroidhormone im menschlichen Körper. Ohne Cholesterin kann die Leydig-Zwischenzelle im Hoden kein Testosteron herstellen; auch Östrogen, Progesteron und das Stresshormon Cortisol basieren darauf.
Gleichzeitig schützt Fettsäuren ohne reaktiven Molekülbestandteil - normalerweise fest bei Raumtemperatur. Üblicherweise tierische Fette. → mehr (SFA) die Zellmembranen der Spermien vor oxidativem Stress, während eine Ernährung, die reich an instabilen Fettsäuren mit mehreren Doppelbindungen im Molekül - dadurch chemisch reaktiver als gesättigte Fettsäuren. In der Regel (aber nicht nur) Pflanzenöle. Omega-3 und 6 fallen in diese Kategorie. → mehr (PUFA) ist, Spermien anfälliger für oxidative Schäden macht. Der synchrone Verlauf von Fett-Verteufelung und dem hormonellen Verfall der Männlichkeit ist frappierend - eine Assoziation wie für diese Artikelserie gemacht.
Einen weiteren Aspekt von PUFA-reicher Ernährung haben wir bereits in Kapitel 1 dieser Serie behandelt:
Kapitel 1 dieser Serie
Evolutionäre Assoziation Kapitel 1: Zusammensetzung des Fettgewebes
Dein Hüftgold ist ein Ernährungstagebuch der letzten Jahre - und viele Einträge stammen aus der Fritteuse.
Weiterlesen →👩 auf der weiblichen Seite (Vorbemerkung)
Ich möchte auf keinen Fall, dass dieser Abschnitt wie Mansplaining des weiblichen Körpers gegenüber Frauen wirkt. Ich fasse medizinische Studien und Diagnosen zusammen, auf die ich im Laufe meiner Befassung mit der fettreichen Ernährung gestoßen bin - wie alles ist das kein Rat und keine Aufforderung und kann eigene Kontrolle, ggf. ärztlichen Rat, nicht ersetzen.
Betrachten wir die biochemischen Umstände der verschiedenen genannten Phänomene mal genauer:
👩 Ausbleibende Menstruation
Der Körper registriert sehr sensibel, ob genügend Energie und Rohstoffe für eine Schwangerschaft vorhanden sind. Schließlich ist das ein Investment für 9 direkte Monate, sowie mehrere Jahre danach. Wenn schon vor Beginn klar ist, dass ggf. nicht mal für die Schwangerschaft genug Energie da ist, unterbricht er die Prozesse, die für eine Schwangerschaft nötig wären. Eines der dafür notwendigen Moleküle ist Ein Hormon, dass den Hunger unterdrückt → mehr, das Sättigungshormon. Von all den verschiedenen Hunger-Arten, die wir kennengelernt haben, erkennt es vor allem die ausreichende Versorgung mit Baustoffen - das sind Proteine und Fette - und Treibstoffen (wer erinnert sich noch an den bevorzugten Treibstoff des Körpers?). Es reagiert weniger auf Völle, also die physikalische Ausfüllung des Magens und Verdauungstrakts mit Ballast- und Füllstoffen.
Wenn der Körperfettanteil sinkt oder die akute Fettzufuhr über die Nahrung einbricht, kann der Leptinspiegel unter einen kritischen Schwellenwert sinken. Das Gehirn interpretiert das als Hungersnot und stoppt die Ausschüttung von Hormonen, die eine Schwangerschaft ermöglichen (5).
Folge: Der Zyklus steht still. Der Körper opfert die Fruchtbarkeit, um das eigene Überleben zu sichern.
👩 PMS (Prämenstruelles Syndrom)
Stichworte hierzu auch: “Progesteron-Crash” und “Gelbkörper-Dilemma”.
Nach dem Eisprung wandelt sich ein Follikel in den Gelbkörper um. Dieser Gelbkörper ist eine regelrechte Hormonfabrik, die in der zweiten Zyklushälfte massenhaft Progesteron (das Schwangerschaftshormon) produzieren muss, um die Gebärmutterschleimhaut aufrechtzuerhalten.
Der Gelbkörper hat mit den höchsten Cholesterinbedarf aller Gewebe im weiblichen Körper. Er zieht sich das Cholesterin direkt aus den LDL-Partikeln des Blutes, um daraus Progesteron zu bauen.
Bekommt der Körper zu wenig Fett/Cholesterin, verhungert der Gelbkörper biochemisch(6). Er produziert nicht genug Progesteron, so dominiert das Östrogen. Die Gebärmutterschleimhaut kann sich nicht stabilisieren, was Einnistungsstörungen zur Folge hat.
👩 PCOS (Polyzystisches Ovarialsyndrom)
Hier haben wir es zur Abwechslung mal wieder mit Insulin als Erkläransatz zu tun:
Wer Fette durch raffinierte Kohlenhydrate ersetzt, treibt seinen chronischen Insulinspiegel nach oben (Hyperinsulinämie). Insulin ist im Eierstock ein massiver Katalysator. Es stimuliert die sogenannten Thekazellen im Eierstock dazu, die Produktion von Androgenen (männlichen Hormonen wie Testosteron) hochzufahren.
Gleichzeitig senkt das hohe Insulin in der Leber die Produktion von SHBG (einem Protein, das freies Testosteron im Blut bindet). Das Ergebnis: Die Frau vermännlicht biochemisch von innen heraus, die Eibläschen reifen nicht mehr heran und verbleiben als “Zysten” im Eierstock.
Zwei gegensätzliche Gräben, gleiches Grundmotiv: Mal kippt zu wenig Energie das System (oben), mal zu viel Insulin (hier). Am Anfang steht beide Male die Verdrängung des Fetts in der Nahrung durch Kohlenhydrate.
Bitter daran: Ausgerechnet der Low-Fat-Trend wurde oft im Namen eines schlanken Körperideals propagiert - die meisten dieser Diäten habe ich in Frauenzeitschriften gesehen. Dass derselbe Weg das hormonelle Gleichgewicht empfindlich stören kann, gehört zu den unangenehmeren Eigentoren dieser Geschichte.
👩 Follikelqualität und Transport der Eizelle
Damit eine Eizelle optimal heranreifen kann, benötigt die Flüssigkeit im Follikel enorme Mengen an Antioxidantien und fettlöslichen Vitaminen (vor allem Vitamin A und E). Sie schützen die empfindliche DNA der Eizelle vor oxidativen Schäden während der Reifung.
Da diese Vitamine zwingend an Fettmoleküle gebunden sein müssen, um im Darm resorbiert und im Blut transportiert zu werden, führt eine extrem fettarme Ernährung zu einem chronischen Mikronährstoffmangel direkt im Eierstock. Die Eizellen “verhungern” auf zellulärer Ebene.
Naturgemäß kommen bei der fettarmen Ernährung weniger in den Fetten gelöste Vitamine in den Körper. Werden dann noch überwiegend pflanzliche Öle mit den pflanzlichen Formen dieser Vitamine aufgenommen, die recht ineffizient in die bioverfügbaren Formen umgewandelt werden müssen, ist ein Mangel quasi unumgänglich und müsste durch gezielte Supplementation - oder eben adäquate Ernährung - verhindert werden.
Zumal in den beiden ersten Fällen auch nur die Verschiebung von Kohlenhydraten zu Fett hilft - in dem Fall würde eine Supplementation sehr gezielt für diesen einen Punkt helfen, während eine Low-Carb-High-Fat Ernährung gezielt alle Punkte unterstützen würde.
Fett und Cholesterin sind wichtig
Wir sehen: Fett ist einerseits für die hormonelle Signalisierung wichtig, andererseits sorgt es auch dafür, dass wichtige fettlösliche Vitamine (die dann allerdings auch im Fett enthalten sein müssen) in den Körper kommen. Cholesterin ist nicht unbedingt ein zu vermeidender Feind, sondern wichtiger Baustein von vielen Hormonen und Stoffen, die der Körper für seine Funktion dringend benötigt.









