
Evolutionäre Assoziation Kapitel 10: Zahngesundheit
Wie hat es die Menschheit eigentlich geschafft, sich bis zur allgemeinen Verfügbarkeit von Zahnpasta mit Minzgeschmack zu entwickeln, ohne dass bereits in der frühen Kindheit die Zähne vergammelt sind?
Und was genau ist der Unterschied zwischen Äpfeln, Brot und Bonbons?
Die Ernährungsänderung
Mit dem Aufkommen der Landwirtschaft und der gezielten Zucht von Pflanzensorten auf “mehr Ertrag” hat sich die Ernährung der Menschen massiv verändert - aber erst in jüngster Zeit wurde die moderne Zahnhygiene sowie Zahnmedizin entwickelt, und auch arg notwendig.
Mit der Industrialisierung und Globalisierung, dem weltweiten Transport, durchgängigen Kühlketten und Konservierungsmethoden sind viele Lebensmittel nicht nur weltweit, sondern auch völlig unabhängig jeglicher Saison ständig verfügbar. Die Ernährungsrichtlinien tun ihr Übriges: Sie raten zu einer kohlenhydratreichen Ernährung - über 50% der Energie möge bitte aus Kohlenhydraten stammen. Und Kohlenhydrate schauen wir uns besonders an - besonders die, die bereits von im Mund verfügbaren Enzymen und Mikroorganismen aufgebrochen werden können.
Tatsächlich lassen sich grob zwei Zeiträume in der Menschheitsgeschichte belegen, die zu einer Ausweitung des kariesbegünstigenden Mikrobioms geführt haben(1).
Das Phänomen
Trotz der modernen Zahnmedizin, Zahnseide, Zahnpasta, Ratschläge zur Zahnpflege sowie professioneller Zahnreinigung leidet die Zahngesundheit besonders seit dem 20. Jahrhundert massiv, und Zahnmedizin ist als Reparaturbetrieb notwendig.
Sowohl Karies als auch Parodontitis sind allseits bekannte Probleme. Um große Reparaturen zu verhindern, verlangen deutsche Krankenkassen den lückenlosen Nachweis von jährlichen Kontrollterminen: Damit sinkt der zu zahlende Eigenanteil bei Zahnersatz und es sollen regelmäßige Zahnarztbesuche motiviert werden.
Die Vorsorge-Anweisungen dagegen beschränken sich auf: “Nach dem Essen Zähne putzen” und “Zahnzwischenräume ebenfalls”.
Die biochemische Assoziation
Ich hab’s oben bereits angedeutet: Die Ernährungsrichtlinien gehen “all in” bei den Kohlenhydraten - darüber bin ich in vielen Artikeln auf butterbei.de schon leidenschaftlich hergezogen: Der Mensch braucht Energie, die Richtlinien raten zur Einschränkung beim Fett, damit bleiben Kohlenhydrate als Energielieferant quasi unausweichlich. Trotz aller mit ihnen verbundenen Nachteile (siehe auch: Alle Artikel über Insulin, und insbesondere den Simulator) für den Stoffwechsel, Hormonhaushalt und die tendenzielle Gewichtszunahme, sollen wir mehr als 50% unserer Energie in dieser Form zu uns nehmen.
Viele haben vielleicht schon mal den Versuch gemacht, Brot lange Zeit zu kauen, und dabei genau auf die Änderung des Geschmacks zu achten: Im Laufe der Zeit wird es immer süßer. Das liegt daran, dass bereits im Speichel Enzyme vorhanden sind, die die Stärke aus dem Brot aufbrechen und kleinere Zuckermoleküle (zum Beispiel Maltose) herauslösen.
Wie wir bereits wissen, ist der Unterschied zwischen Bonbons und Brot recht unerheblich: Wenn man vom Geschmack absieht, ist die Wirkung auf den Organismus sehr ähnlich. Aber man muss das Brot gar nicht so sehr verteufeln:
Schon die Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V. Überwiegend öffentlich finanzierte NGO, staatlich beauftragte Ernährungsinstanz rät in ihren Richtlinien(2) ausdrücklich zu einem höheren Zuckerlimit (350 g / Woche) als Fleisch (300 g / Woche) - und rechnet beim Zucker Nahrungsmittel wie Obst, die ihn natürlich enthalten, noch nicht mal mit.
Der Körper hat verschiedene Mikrobiome, und jegliche Behandlung eines Mikrobioms klingt immer so, als gäbe es “das eine gute” - tatsächlich ist es individuell sehr verschieden und richtet sich stark danach, wie es “gefüttert” wird.
Die übliche kohlenhydratreiche Ernährung gibt Bakterien, die Zucker fermentieren, sehr viel Nahrung - viele kennen den Zusammenhang bereits: Einige dieser Bakterien, die in Filmen auf den Zähnen sitzen, ernähren sich von Zucker und scheiden Säuren aus, die den Zahnschmelz angreifen. Das Ergebnis dieses - sträflich vereinfacht dargestellten - Mechanismus ist: Karies(3).
Normalerweise puffert Speichel die Säure - allerdings nur effektiv zwischen den Mahlzeiten. Wenn diese zu oft kommen oder zu lange dauern (Bonbons oder Snacks über einen Spielfilm hinweg), lässt dieser Effekt stark nach.
Auch wer Süßes explizit meidet, aber sich ansonsten den Richtlinien entsprechend ernährt, gibt diesen Bakterien genug Futter: Das beschriebene Experiment des Brotkauens demonstriert das. Zucker wird sofort freigesetzt - schnelles runterschlucken ohne Kauen hilft nicht: Stärke bleibt an den Zähnen haften, wo die Enzyme sie zersetzen können. Der Geschmackssinn nimmt den Zucker nicht sofort wahr, aber er ist bereits vom ersten Moment an da.
Wie kann ich mein orales Mikrobiom verändern?
Das Mikrobiom hängt von seiner Nahrung ab. Wer die Ernährung ändert, ändert auch die Zusammensetzung des Mikrobioms (auch weiter unten im Körper - siehe die Artikel über Ballaststoffe hier, aber in diesem Artikel will ich mal ausnahmsweise nicht schon wieder auf Ballaststoffe eindreschen).
Wer die Studien in den Fußnoten liest, wird feststellen: Fermentierbare Kohlenhydrate sind das Problem. Wer diese meidet, wird automatisch das eigene orale Mikrobiom verändern - einfach nur, weil die Zucker-fermentierenden kariogenen Bakterien weniger gefüttert werden.
Wer alternativ ans Zähneputzen gedacht hat: In einer interessanten Studie von 2009(4) wurden 10 Leute untersucht, die sich während einer vierwöchigen Steinzeit-Ernährung die Zähne nicht geputzt haben. Ergebnis: Etwas mehr Plaque, aber zurückgehende Zahnfleischblutungen.
Aber warum ’erst jetzt'?
Warum häufen sich die Zahnprobleme erst in jüngster Vergangenheit, wo die Menschheit doch Getreide und andere stärkehaltige Nahrungsmittel schon sehr viel länger verfügbar hat?
Zunächst mal: Karies ist kein neues Phänomen: Bereits vor 15.000 Jahren(5) ist sie nachweisbar und wird auf damalige Eicheln zurückgeführt - eine bereits vor Einzug der Landwirtschaft saisonal und lokal verfügbare Kohlenhydratquelle - und in diesem Fall in einer ähnlichen Intensität wie heute. Beschrieben ist ein zeitlich und örtlich begrenztes Auftreten, das allerdings der Einführung der Landwirtschaft vorausgeht. In der Arbeit gibt es, abgesehen vom Schlusssatz, keine Anhaltspunkte zu Alter und generellem Gesundheitszustand - aber wir können davon ausgehen, dass stark kariöse Zähne vor der Verfügbarkeit moderner Zahnmedizin nicht gerade lebensverlängernd gewirkt haben.
Die Menge sowie die ständige Verfügbarkeit von (fermentierbaren) Kohlenhydraten machen einen Unterschied: Mit dem Aufkommen der Ernährungsrichtlinien gab es Ratschläge, zwischen 3 Mahlzeiten pro Tag auch 3 Snacks einzuplanen - niemals aber den Rat, auch sechs Mal am Tag die Zähne zu putzen. Nicht nur der Insulinspiegel bleibt so andauernd hoch (und führt zu den Problemen, die an anderer Stelle hier diskutiert werden), sondern auch die zuckerliebenden Bakterien im Mund werden so kräftig gefüttert: Auch sie bekommen alle paar Stunden Nachschub.
In der bereits erwähnten Arbeit von Adler et al.(1) sind das Neolithikum (grob: Einführung der Landwirtschaft) sowie die Verfügbarkeit von Industriezucker als Stufen für einen signifikanten Anstieg des kariogenen Mikrobioms eindeutig nachweisbar.
Eine weitere Arbeit(6) weist auf die Zeit im vergangenen Jahrhundert hin, in der die Grundlagen für die aktuellen kohlenhydratbetonten Ernährungsrichtlinien gelegt wurden, und nimmt schon im Abstract die Position ein, dass Zahnerkrankungen eher systemisch als eine lokal begrenzte körperliche Angelegenheit seien.
Klingt, als ob Intervallfasten oder Low-Carb-Ernährung also auch bei Zahnärzten ein beliebtes Vorsorgeinstrument sein sollte (auch wenn es ihnen ggf. das Geschäft vermiest). Ganz besonders die kohlenhydratarme Ernährung klingt nach einer ausgesprochen wirksamen Möglichkeit, die Zuckerzufuhr für die kariesverursachenden Bakterien zu verringern, während Intervallfasten “nur” ihre verfügbare Zeit verändert. (Tipp: Man kann beide kombinieren)
Was sagt die Zahngesundheit über die Ernährung?
Ohne Zähne ist die Nahrungsaufnahme - nachvollziehbar - schwierig. Evolutionär sind wir auf gesunde Zähne angewiesen. Es stellt sich also die (rhetorische) Frage, ob eine Ernährung, die eine massive negative Auswirkung auf die Zahngesundheit hat, als artgerecht angesehen werden kann.
Heute haben wir Möglichkeiten der Reparatur, aber davon werden die eigentlichen biochemischen Signale wirkungsvoll verdeckt. Wie wir in anderen Artikeln auf butterbei.de gesehen haben, gibt es überall im Körper negative Auswirkungen von Zucker und Kohlenhydraten, wenn sie im Überfluss vorhanden sind.
Die Zähne sind ein früher und gut sichtbarer Alarm, den wir aber stummschalten, statt auf ihn zu reagieren.
Wir führen den Krieg gegen Karies mit Fluorid, Ultraschall und Zahnseide, aber liefern gleichzeitig dem Gegner mehrmals täglich neue Munition.









