Die Änderung der Ernährung

Im Rahmen der Veröffentlichung von Ernährungsrichtlinien (zuerst in den USA 1977(1) - danach auch in vielen anderen Ländern) gab es auch Empfehlungen zum Verzehr von Fett - etwa seit dieser Zeit “wissen"(2) wir, dass (SFA) schlecht, und (PUFA) gut sind. Irgendwo dazwischen, und meist nicht betrachtet, sind die (MUFA)

Ferner kamen Ende des 19ten Jahrhunderts erste industriell erzeugte Saatenöle in größeren Mengen auf den Markt. Diese waren zunächst technische Öle, wurden zur Schmierung und gegebenenfalls als Brennstoff, zum Beispiel in Laternen, verwendet. Mit dem Aufkommen von Elektrizität wurden verbrennende Lampen überflüssig, und es wurde nach neuen Verwendungen für die Öle gesucht. Man fand diese in der sich entwickelnden Nahrungsmittelindustrie. Die Erfindung der Hydrierung, mit der die Öle verfestigt werden konnten, brachte weitere Anwendungsfälle - nun konnten sie auch Butter ersetzen.(3)

Das Phänomen

Ich nehme mir etwas Zeit und beschreibe zunächst mal die Geschichte, die mich für diesen Artikel, und in Folge für die ganze Serie motiviert hat: Eine Social-Media Diskussion, bei der es um das oben genannte “Wissen” ging, dass gesättigte Fette schlecht sind.

Ich wollte antworten “Ich hoffe, dass Du nie abnehmen willst - schließlich muss der Körper dann die selbst-angelegten gesättigten Fette verbrennen”. Unser Körper wurde also scheinbar evolutionär so weit gebracht, seine Energievorräte in schädlichen Stoffen anzulegen. Dazu habe ich recherchiert, und die folgende Zusammensetzung des menschlichen Fettgewebes gefunden:

FettsäureTypTypischer Anteil
Ölsäure (Oleic acid)MUFA45 – 50 %
Palmitinsäure (Palmitic acid)SFA20 – 24 %
Linolsäure (Linoleic acid)PUFA / Omega-612 – 15 %
PalmitoleinsäureMUFA5 – 7 %
Stearinsäure (Stearic acid)SFA3 – 6 %
Andere (z.B. Myristinsäure, Omega-3)GemischtRest

Eigentlich hatte ich damit das Ergebnis, dass ich gesucht habe: 23-30% gesättigte Fette im Körperfett sind deutlich mehr als die maximal empfohlenen 10% der aktuellen Ernährungsrichtlinien. Offensichtlich legt der Körper seine Reserven für schlechte Zeiten also tatsächlich in gesättigten Fetten an, sollte also nicht nur in der Lage sein, diese auch wieder zu verbrauchen, sondern es ist davon auszugehen, dass das “die optimale” Zusammensetzung ist.

Und wenn man dann noch weiss, dass der Körper selbst einige SFA in MUFA umwandelt(5) haben wir einen weiteren Datenpunkt. Schaut man sich die Zusammensetzung an, ist das menschliche Körperfett ähnlich der des Olivenöls. (6)

Mir kam allerdings der PUFA Anteil (12-15%) ausgesprochen hoch vor, und so habe ich weiter recherchiert, bis ich auf eine Zeitabhängigkeit gekommen bin: Diese Zusammensetzung gilt im Durchschnitt für heute lebende Menschen, denen man seit 1977 klar macht, dass Saatenöle - PUFA - gesund, und gesättigte Fette, zum Beispiel aus Butter und Fleisch, gemieden werden sollten.

Es stellt sich heraus, dass es auch ältere Aufstellungen gibt: Dr Stephan Guyenet hat 2015 die Zusammensetzung des Fettgewebes in den USA über die letzten 50 Jahre untersucht(7).

Darin lernen wir: Der Linolsäure-Anteil (PUFA) im Körperfett ist innerhalb von nur 50 Jahren um satte 136% gestiegen.

Dieser Zuwachs an Omega-6 verschiebt zugleich das Verhältnis von Omega-6 zu Omega-3 - eine Verschiebung, deren Folgen weit über die Fettspeicherung hinausreichen, bis ins Verhalten und die Psyche hinein. Dazu mehr in Kapitel 3 (Psychische Krisen).

Die biochemische Assoziation

Mir fallen mehrere Assoziationen auf:

Der Gleichlauf mit Stoffwechselerkrankungen

Parallel zum Einzug der Saatenöle - der Pro-Kopf-Verzehr von Sojaöl in den USA stieg zwischen 1909 und 1999 um mehr als das Tausendfache(9) - sind auch Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes und Adipositas stark angestiegen. Ein solcher zeitlicher Gleichlauf ist allerdings kein Beweis: im selben Zeitraum hat sich vieles verändert (Zucker, Kalorienmenge, Bewegungsmangel), und Korrelation ist nicht Kausalität. Es bleibt also eine Assoziation - genau das, worum es in dieser Serie geht.

Als konkurrierende Erklärungen werden gern das Rauchen und die früher verbreiteten Transfette angeführt. Beide taugen aber schlecht als alleinige Ursache: Der Raucheranteil unter US-Erwachsenen ist von 42,4% (1965) auf 11,6% (2022) gefallen(10), ohne dass die Stoffwechselerkrankungen entsprechend zurückgegangen wären; und künstliche Transfette sind längst als schädlich bekannt und inzwischen verboten (Dänemark bereits 2003, EU-weit seit 2021)(11) - während die Saatenöle selbst unbehelligt bleiben.

Sonnenschutz

Mit der massenhaften Einführung der PUFAs begann auch die Zeit der Sonnencreme. Evolutionär hat der Mensch nicht in Häusern, hinter Glas, vor Bildschirmen, gelebt, sondern war große Teile des Tages der Sonne ausgesetzt, ohne ständig an Sonnenbrand zu leiden.

Da viele ketogen lebende Menschen, die PUFA meiden, die gleichen Erfahrungen teilen, und es Forschung in diesem Bereich gibt, verweise ich auf meine eigene Erfahrung mit der Sonne: Nach einiger Zeit der Meidung von Saatenölen hat sich meine Sonnentoleranz massiv geändert (Studien sind dort im Artikel verlinkt). Die schlechte Nachricht: Die Reproduktion dieses Experiments dauert etwas: Fettsäuren im menschlichen Gewebe haben eine Halbwertszeit von ca 600 Tagen - das heißt, dass es einige Jahre dauert, bis signifikante Mengen PUFAs abgebaut sind, wenn keine PUFAs mehr gegessen werden.

Meine Erfahrungen mit der Sonne

Ein Mann in Badehose am Strand, schaut auf den Ozean. Von hinten fotografiert - wir schauen auch auf den Ozean

Sonnenbrand und UV

Verblüffende Erfahrungen nach der Umstellung auf ketogene Ernährung: Neuer Lichtschutzfaktor

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Der Mechanismus

Schauen wir uns ein wenig Biochemie an:

Die Leber produziert per De-Novo-Lipogenese Fette. Grundprodukt ist die Palmitinsäure, mit einem Schmelzpunkt von 63°C. Da dieser Schmelzpunkt in einem 37°C warmen Körper ein Problem ist, werden daraus weitere Fette hergestellt - am Ende kommt ein Mix aus Palmitinsäure, Stearinsäure (beides SFA), sowie Palmitoleinsäure und Ölsäure (beides MUFA) heraus. So gemischt und in Triglyceriden verstaut bildet sich ein Fett in einer Konsistenz, dass der Körper verarbeiten, bewegen und verteilen kann.

Was die Leber nie herstellen kann sind PUFA. Wenn diese im Fettgewebe vorkommen, müssen sie also aus der Ernährung kommen. Schaut man sich Naturvölker an, die sich noch ursprünglich ernähren, hat deren Fettgewebe einen ausgesprochen geringen Anteil an PUFA: Bei den Kitava-Insulanern (Papua-Neuguinea, untersucht von Staffan Lindeberg) etwa liegt die Linolsäure-Zufuhr bei nur rund 1-3% der Energie, und ihr Gewebe enthält entsprechend wenig PUFA - verglichen mit den 12-21%, die wir weiter oben im modernen Fettgewebe gesehen haben(12).

Besonders eindrücklich zeigt sich das in der Muttermilch: Ihr Linolsäure-Gehalt hat sich in westlichen Ländern im letzten Jahrhundert etwa verdoppelt - und rund 70% davon stammen aus den Fettreserven der Mutter(13). Das Ernährungstagebuch im Fettgewebe wird also direkt weitergereicht: an das Kind.

Wie schnell dieses Tagebuch schreibt, zeigt ein Experiment von 1959: Auf einer extrem saatölreichen Kost stieg der Linolsäure-Anteil der Muttermilch innerhalb von 2-3 Tagen von 8-10% auf 42%(14). 🤯

Ein weiterer wichtiger Aspekt sind die Eigenschaften von PUFA: Das “mehrfach ungesättigt” bedeutet, dass es mehrere reaktionsfreudige Stellen im Molekül gibt - dort kann das Molekül oxidieren. Zum Beispiel durch Wärme, Licht oder andere Stoffe, die mit ihm in Kontakt kommen. Oxidiertes Öl kennen wir als “ranzig”. Omega-6 Fette sind Fette, werden aber in der westlichen Ernährung in erheblich größerem Maße konsumiert, als für den Körper notwendig ist. Omega-6 Fette sind entzündungsfördernd (wichtig für das Immunsystem), Omega-3 Fette sind entzündungshemmend. In der heute üblichen Ernährung sind wir mit Omega-6 Fetten massiv überversorgt - insbesondere im Verhältnis zu Omega-3 Fetten.

Diese entzündungsfördernde Eigenschaft ist auch einer der Gründe dafür, dass die Überversorgung plausibel zumindest als “verdächtig” für diese Assoziation betrachtet werden kann.

Ich jedenfalls habe seit meiner Abkehr von den aktuellen Ernährungsrichtlinien, und der damit verbundenen Meidung von PUFA aus Saatenölen, keine schlechten Erfahrungen gemacht. Mein persönliches Befinden und die ärztlich gemessenen Marker zeigen alle in die richtige Richtung. Falls jemand apokalyptische Erwartungen in diesem Fall hat, würde mich interessieren, in welchem Zeitrahmen diese im Durchschnitt eintreten (14 Jahre scheinen nicht zu reichen) und wie sie sich äußern.

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Verblüffende Erfahrungen nach der Umstellung auf ketogene Ernährung: Neuer Lichtschutzfaktor

  1. Die einflussreichen “Dietary Goals for the United States” des US-Senatsausschusses unter George McGovern erschienen 1977 (der Ausschuss selbst arbeitete bereits seit 1968); sie empfahlen u.a., gesättigte Fette auf höchstens 10% der Kalorien zu senken. Die ersten offiziellen “Dietary Guidelines for Americans” folgten 1980. US Senate Select Committee on Nutrition and Human Needs
  2. “wissen” steht hier ausdrücklich in Anführungszeichen - es ist sarkastisch gemeint. Wer die anderen Artikel auf dieser Site kennt, weiss, dass es Forschung mit gegenteiligen Ergebnissen gibt, und dass auch ich selbst andere Erfahrungen gemacht habe.
  3. Paradebeispiel ist Baumwollsaatöl: Procter & Gamble nutzte es zunächst für Seife und Kerzen; als die Elektrifizierung das Kerzengeschäft schrumpfen ließ, kam per Hydrierung 1911 “Crisco” (von “crystallized cottonseed oil”) als festes Pflanzenfett und Butterersatz auf den Markt. Crisco (Wikipedia)
  4. Wikipedia: Margarine - darin finden sich sowohl die alten Rezepturen als auch der Bericht über die erste pflanzliche Margarine.
  5. Der Mix aus SFA und MUFA dient der Konsistenz des Fettgewebes: Die SFA sind bei Körpertemperatur fest, die MUFA flüssig. In dieser Zusammensetzung sind die resultierenden Fette (Triglyceride) mobil und flexibel genug, dass sie in der Zelle bewegt werden können (sehr vereinfacht). Etwas genauere Beschreibung im Abschnitt “Mechanismus”.
  6. Olivenöl ist zwar auch ein Pflanzenöl - im Vergleich zu den vielen klassisch empfohlenen Saatenölen das aus Keimen, der Saat, extrahiert wird, ist Olivenöl eher ein Fruchtsaft, das aus der Olivenfrucht gewonnen wird: Der Kern ist für Olivenöl nicht nötig.
  7. Increase in Adipose Tissue Linoleic Acid of US Adults in the Last Half Century
  8. Original: “Linoleic acid (LA) is a bioactive fatty acid with diverse effects on human physiology and pathophysiology. LA is a major dietary fatty acid, and also one of the most abundant fatty acids in adipose tissue, where its concentration reflects dietary intake. Over the last half century in the United States, dietary LA intake has greatly increased as dietary fat sources have shifted toward polyunsaturated seed oils such as soybean oil. We have conducted a systematic literature review of studies reporting the concentration of LA in subcutaneous adipose tissue of US cohorts. Our results indicate that adipose tissue LA has increased by 136% over the last half century and that this increase is highly correlated with an increase in dietary LA intake over the same period of time.”
  9. Der Pro-Kopf-Verzehr von Sojaöl in den USA stieg zwischen 1909 und 1999 um mehr als das Tausendfache; der Anteil der Linolsäure an der Energiezufuhr stieg von 2,79% auf 7,21%. Blasbalg et al., Am J Clin Nutr 2011. Studie
  10. Beispielhaft: Der Anteil rauchender Erwachsener in den USA fiel von 42,4% (1965) auf 11,6% (2022). CDC / MMWR
  11. Künstliche Transfette gelten seit den 1990ern als schädlich. Dänemark führte 2003 als weltweit erstes Land einen gesetzlichen Grenzwert ein (2 g pro 100 g Fett). Deutschland hatte lange keinen gesetzlichen Grenzwert, sondern seit 2012 nur freiwillige Leitlinien von Ministerium und Lebensmittelwirtschaft; EU-weit verbindlich (2 g/100 g Fett) wurde die Grenze erst mit der Verordnung (EU) 2019/649, anwendbar ab April 2021. In den USA untersagten die FDA-Regeln teilgehärtete Öle ab Juni 2018. WHO: Transfette in Dänemark, EU: Verordnung zu Transfetten 2019/649, FDA: Bann von Transfetten
  12. Bei traditionell lebenden Völkern wie den Kitava-Insulanern (Papua-Neuguinea; Studien von Staffan Lindeberg) liegt die Linolsäure-Zufuhr bei nur etwa 1-3% der Energie; ihr Fettgewebe enthält entsprechend wenig PUFA - deutlich unter den zweistelligen Werten westlicher Bevölkerungen. Übersicht: Linolsäure in der westlichen Ernährung
  13. Der Linolsäure-Gehalt menschlicher Muttermilch hat sich in westlichen Ländern im letzten Jahrhundert etwa verdoppelt (von ~6 auf 12-16 g pro 100 g Fettsäuren); rund 70% dieser Linolsäure stammen aus den Fettreserven der Mutter, nicht aus der aktuellen Tagesnahrung. Übersicht: Linolsäure in der westlichen Ernährung
  14. Insull et al., 1959: nach Umstellung auf eine LA-reiche Kost stieg der Linolsäure-Anteil der Muttermilch binnen 2-3 Tagen von 8-10% auf 42%. Zitiert in der Übersicht: Linolsäure in der westlichen Ernährung