Ernährung hat einen sehr wichtigen Einfluss auf die Gesundheit - hier stimme ich Dr. Matthias Riedl, dem “Ernährungsdoc” und “Poster Boy” der deutschen Ernährungsmedizin (1) absolut zu. Allerdings habe ich selbst Erfahrungen gemacht, die seinen Aussagen und Empfehlungen diametral entgegenstehen.

Überraschendes Lob

Dieses Mal kann ich aber zumindest mit Lob anfangen: In Folge 79 des Ernährungsdocs Podcasts geht es um behandlungsbegleitende Ernährung bei Multipler Sklerose (MS). In diesem Podcast habe ich von Dr. Riedl zum ersten Mal eine Aussage gehört, die er sonst - soweit ich das gehört habe - immer ausdrücklich bestritten hat:

Wann immer es bisher um den Verzicht auf Weizen ging, wurde stets Zöliakie als hartes Kriterium genannt: “Wer keine Zöliakie hat, hat keinen Grund auf Weizen zu verzichten” - das ist hier zum ersten mir bekannten Mal nicht der Fall, und er geht ausdrücklich auf ATI(2) ein, als einen weiteren Grund, Weizen und andere Getreide zu meiden oder zumindest sehr kritisch zu betrachten.

ATI standen hier schon mal im Fokus:

Nachstellung des bekannten 'Evolution des Menschen' Mems mit Silhouletten-Aufstellern, angeführt von einem echten Menschen, der auf sein Telefon schaut
Evolutionäre Assoziation Kapitel 6: Sauerteig

Warum modernes Turbo-Brot den Körper belastet - und wieso Lockdown-Sauerteig zufällig richtig lag: lange Fermentation verdaut vor, was der Darm nicht kann.

Ein zubereitetes Gericht mit Reis, Bohnen und anderen Zutaten in einer Holzschüssel
Superfood oder Antinährstoff?

Lebensmittel, gepriesen für ihre Inhaltsstoffe, bringen oft auch das Gegenmittel gleich mit. Wie wirken Antinährstoffe? Kann man sie unschädlich machen? Eine Auswahl

Ent-Lobung

Damit endet dann allerdings auch mein Lob, denn andererseits verbreitet er wieder Angst und Schrecken bezüglich der Stoffwechselzustand, in dem auf Fett statt auf Zucker (Glukose) als Treibstoff zugegriffen wird. Gekennzeichnet durch einen messbaren Anteil an Ketonkörpern im Blut. → mehr Ernährung und preist Pflanzenöle mit Fettsäuren mit mehreren Doppelbindungen im Molekül - dadurch chemisch reaktiver als gesättigte Fettsäuren. In der Regel (aber nicht nur) Pflanzenöle. Omega-3 und 6 fallen in diese Kategorie. → mehr. In Bezug auf Getreide geht er nur den halben Schritt, und ersetzt ein Getreide durch ein anderes, ganz als ob diese Kategorie unverzichtbar und aus der Ernährung absolut nicht wegzudenken wäre.

Dabei geht der Gedankengang in die “richtigeTM” Richtung. Seine Absicht ist - erklärtermaßen - die gleiche, die ich habe. Er bleibt aber nach der Hälfte stehen, um sein anscheinend getreidezentriertes Weltbild nicht zu erschüttern.

Wir sehen in diesem Podcast außerdem - sehr klar und explizit - den Wunsch der Patientin, selbst etwas zu ihrer Behandlung beizutragen - dazu aber mehr in einem weiteren Artikel zu dieser Folge, den ich separat vorbereite und veröffentlichen werde.

Featured Article

Waagerecht liegendes Essbesteck: Oben ein Messer, unten eine Gabel. Dazwischen auf kleinen Buchstabensteinen die Worte 'KETO DIET'

Ernährungsdoc: Kognitive Dissonanz und Unkenntnis der ketogenen Ernährung

In einer Folge des Ernährungsdocs-Podcasts demonstriert der bekannteste Ernährungsmediziner Deutschlands schockierende Unkenntnis von und Einstellung zu ketogener Ernährung

Weiterlesen →

Die Forderung

Im Laufe der Folge (erstmals nach ca. 20 Minuten) kommt die ketogene Ernährung ins Spiel. Nach der unvermeidlichen Nennung der Behandlung von Epilepsie bei Kindern, geht es aber gleich wieder an die Gründe, die Dr. Riedl hat, sich nicht näher mit Ketose zu beschäftigen:

Wenn man darüber hinaus schaut, welche Belege wir für einen positiven Effekt haben, muss man sagen, dass da sehr viel geforscht wird, aber es ist nichts ganz klar. … Manchmal zeigt sich ein gewisser Effekt bei Krebs, manchmal bei Nervenstörung, aber unterm Strich muss man sagen, da kann man derzeit keine Empfehlung geben, eine stark fettfokussierte Ernährung zu gestalten. … Der aktuelle Stand, kurz zusammengefasst, ist: man weiß es nicht.

So weit hat mich nichts daran schockiert, genau so kenne ich Dr. Riedl. Ketose ist nichts für ihn - sarkastisch gesagt: Sie würde den heiß geliebten Hafer einschränken. Und wenn man sie so kategorisch ausschließt wie er, stimmt die Aussage “man weiß es nicht” natürlich auch. Für bestimmte Werte von “man”.

Dann folgt aber ein Kernteil seiner Aussage, der mich getriggert hat:

Eine ketogene Ernährung ist eine starke Einschränkung der Lebensqualität und sie ist extrem schwierig durchzuführen und auf lange Sicht führt sie auch zu Mangelerscheinungen(3). Deshalb muss man da auch eine verdammt gute Evidenz in den Studien haben, um das zu empfehlen. …

Das wäre jetzt eine Ernährungsempfehlung mit potenziellen Nebenwirkungen. Und damit verlange ich da wirklich wasserdichte Studien, die so gut sind, wie wir sie bei Medikamenten auch haben.

In anderen Artikeln hier haben wir bereits den sehr nachlässigen Umgang mit Statistik und relativem Risiko in der Ernährungswissenschaft behandelt. Man stelle sich vor, die PatientInnen von Dr. Riedl würden die gleichen Forderungen bezüglich seiner Ernährungsempfehlungen an ihn stellen: Ich kenne keine Studie, die nach pharmakologischem Standard nachweist, dass Ballaststoffe, “der Regenbogen”, “die mediterrane Ernährung” oder auch nur sein Hafer vorteilhaft, ratsam oder notwendig seien.

Aber das ist auch nicht nötig, denn diesen Standard fordert er (bei weitem) nicht universell…

Zweierlei Maß

…und das auch gleich zweimal - beide Male innerhalb derselben Folge, jeweils nur wenige Minuten auseinander.

Sekundäre Pflanzenstoffe, völlig natürliche Proteine

Der erste Doppelstandard steht direkt im Gegensatz zu anderen Aussagen im gleichen Podcast:

Im Rahmen der Behandlung von MS beschreibt er es als vorteilhaft, nicht nur Kohlenhydrate einzuschränken, sondern auch ATI zu meiden - kurze Erinnerung: das sind übliche Bestandteile in Getreide und Körnern.

…bei uns … können sie lokale Entzündungsreaktionen im Darm verursachen. Und diese ATI-aktivierten Entzündungszellen und Botenstoffe können über das Blut weitere Entzündungsprozesse in Organen fördern.

Ich gratuliere zu dieser Einsicht. Ungewöhnlicherweise nutzt er an dieser Stelle aber einen seiner Lieblingsbegriffe nicht: “Sekundäre Pflanzenstoffe”. ATI gehören in diese Kategorie.

Antinährstoffe? Superfood? Ambiguität!

Nachstellung des bekannten 'Evolution des Menschen' Mems mit Silhouletten-Aufstellern, angeführt von einem echten Menschen, der auf sein Telefon schaut
Evolutionäre Assoziation Kapitel 9: Jod

Jod ist überall und nirgends. Man kann es aufnehmen, ersetzen oder auf mehreren Ebenen blockieren. Unsere Nahrung ist der Schlüssel dazu, was passiert.

Ein zubereitetes Gericht mit Reis, Bohnen und anderen Zutaten in einer Holzschüssel
Superfood oder Antinährstoff?

Lebensmittel, gepriesen für ihre Inhaltsstoffe, bringen oft auch das Gegenmittel gleich mit. Wie wirken Antinährstoffe? Kann man sie unschädlich machen? Eine Auswahl

Bunte Frühstücksdingsis in einer Schüssel und über den Tisch verstreut. Bestimmt ungesund, aber passend zum Regenbogenthema
"Iss den Regenbogen", Teil 2

Es gibt einen zweiten Aspekt, den man als Beweggrund für ‘Iss den Regenbogen’ ansehen kann. Denn der Regenbogen beeinflusst auch, was man nicht isst

Den eindeutigen Hinweis, dass hier mit zweierlei Maß gemessen wird, liefert er selbst. Direkt vor der oben zitierten Beschreibung der Wirkungen von ATI auf den Körper sagt er

[Dr. Riedl:] Das ist eine Abkürzung für Amylase-Trypsin-Inhibitoren. Das sind völlig natürliche Proteine, die nicht nur im Weizen vorkommen, sondern auch in anderen Körnern. Und die haben für die Körner eine Bedeutung beim Keimen beispielsweise oder auch gegen Fressfeinde.

“Völlig natürliche Proteine”? Genau so natürliche Proteine wie Ricin, Phytohämagglutinin (beide im Artikel “Superfood oder Antinährstoff” behandelt, Ricin ist ein tödliches natürliches Protein), oder wie Prionen (die Auslöser des Rinderwahns, der eine oder die andere erinnert sich vielleicht).

Ach so, und Fressfeinde? Das schließt natürlich Menschen ein.

Damit sind ATI ein Verteidigungsmittel von Pflanzen. Der Unterschied zwischen Fraßschutz und Gift ist die Dosis - bei Ricin ist diese sehr klein, während ATI von vielen in höherer Dosis vertragen werden - anscheinend eben nicht von MS-PatientInnen.

Wir haben es also mal mit einem “sekundären Pflanzenstoff” zu tun, für den Dr. Riedl diese normalerweise positiv besetzte Kategorie nicht verwendet. Mir ist der Begriff sowieso zu neutral, und für viele der Stoffe aus dieser Kategorie verwende ich normalerweise eher den Begriff “Antinährstoffe” - ATIs sind nicht die einzigen problematischen Stoffe, wie wir in anderen Artikeln hier schon gelernt haben.

Pharmakologischer Standard

Gibt es Studien über die Wirkung von ATI bei MS? Ja - und Dr. Riedl führt sie selbst auf: Tiermodelle, und Humanstudien mit 16 Teilnehmenden, die für drei Monate den Unterschied zwischen “weizenreduziertem” Essen und “sehr weizenhaltiger Ernährung” (seine Worte) untersuchten.

Diese Studien hält er (ausdrücklich) für ausreichend, um zu einer Weizen- und ATI-reduzierten Ernährung zu raten. Glückwunsch.

Der Doppelstandard kommt für den völligen Weizenverzicht in Form der ketogenen Ernährung bei ca. 24:30 wieder ins Spiel: Auch hier gibt es vielversprechende Berichte und Studienthemen, aber natürlich kann ketogene Ernährung (in seinen Augen) keine Option sein. Ich erinnere:

Das wäre eine Ernährungsempfehlung mit potenziellen Nebenwirkungen. Und damit verlange ich da wirklich wasserdichte Studien, die so gut sind, wie wir sie bei Medikamenten auch haben.

Nebenwirkungen? Er nennt sie nicht - nur obskure “Mangelerscheinungen”, was mir in meiner sarkastischen Art wie “Vollkornmangel” vorkommt - kein anerkanntes und abrechenbares Krankheitsbild, keine Symptome(3).

Ferner ist die Forderung nach Studien “wie bei Medikamenten” ein Ausschlusskriterium. Ich lese das als Erklärung, dass er absolut nicht interessiert ist. Bei ca. 14:00 heißt es:

Für die Ernährungsmedizin haben wir eine schlechte Datenlage. Das liegt einfach daran, dass es wenig Anreize gibt, dass es keine Industrie gibt, die solche Forschung unterstützt. Und da diese Studien auch sehr, sehr schwer durchführbar sind.

Man kann sie zum Beispiel nicht verblinden. Also ein Essen ist ein Essen, das kann ich sehen. Eine Pille kann ich als Placebo geben, aber ich kann ein Essen nicht als Placebo [geben]. Jeder sieht, was es ist.

Das ist die nukleare Option: Ohne doppelblinde, Placebo-kontrollierte Studie gibt es keine Medikamentenzulassung. Er fordert diese für die ketogene Ernährung, wohl wissend, dass schon die einfache Verblindung unmöglich ist, und schließt sie damit völlig von jeglicher Inbetrachtnahme aus.

Man kann ihm nicht mal mangelndes Wissen oder gar Ignoranz vorwerfen - denn er weiß genau, wovon er redet:

Deshalb leiden wir unter einer akuten Not an guten, großen Studien mit vielen tausend Menschen. Der Unterschied dieser kleinen Studie ist, dass wenn ich da mit Medikamente prüfen würde, also ich würde Medikamente an 16 Patienten prüfen, dann muss man sagen, das reicht hinten und vorne nicht. Wenn ich aber eine Ernährungsform prüfe und ich tausche hinterher nochmal die Gruppen und sehe jedes Mal, wenn ich mehr Weizen gegessen habe, dann geht es denen schlechter und ich kann das sogar im Blut nachweisen. …

…andere Ernährungsformen als die ketogene Ernährung können jedoch ihren Vorteil bereits mit 16 Personen, unverblindet und mit Anekdoten illustrieren - und werden dafür in Betracht gezogen:

Dann ist für mich als Ernährungsmediziner der Punkt gekommen, ich muss es empfehlen, weil es dem Patienten nicht schadet. Die Empfehlung, die ich ausspreche, ist kein Medikament mit möglichen Nebenwirkungen, sondern es ist eine Empfehlung, die eher die Ernährung gesünder macht.

Nach seiner Darstellung scheint eine ATI-arme Ernährung für MS-PatientInnen gesünder zu sein. Ich weise darauf hin, dass der Kohlenhydratanteil in der ketogenen Ernährung so gering ist, dass Getreide (und mit ihm die darin enthaltenen ATI) quasi komplett eliminiert wird.

Um das nachzuweisen, braucht es nicht mal eine Studie.

Aber grundsätzlich: Man kann nicht an einer Stelle pharmakologische Standards für eine Ernährungsform anlegen, an anderer Stelle klar aussagen, dass es diese für Ernährung im Allgemeinen nie geben wird, und dann das Vorgehen aus einer kleinen Studie mit 16 Teilnehmenden als Behandlung empfehlen.

(╯°□°)╯︵ ┻━┻

Fragwürdiger Mangel

Dr. Riedl kennt die ketogene Ernährung im Kontext von Epilepsie als Behandlungsoption. Ich frage mich, was die von ihm genannte “Mangelernährung” in dem Fall akzeptabel macht.

Apropos Mangel: Woran mangelt(3,4) es Dr. Riedl in der ketogenen Ernährung, und warum behebt er das nicht mit den gleichen Mitteln, mit denen auch die vegane Ernährung bedacht wird? Allen ist bekannt, dass eine gesunde vegane Ernährung nur mit Supplementation einiger Mikronährstoffe überhaupt möglich ist. Sobald die Mängel bekannt sind, kann man sie gezielt beheben - ganz so, wie er es selber macht.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: ich bezweifle den Mangel, aber würde aus eigenem Interesse gern mehr darüber lernen.

Und die Patientin?

Bis hierher ging es um Inhaltsstoffe und um Studien. Ein weiterer Kritikpunkt aus dieser Podcastfolge betrifft aber nicht die Beweislast, sondern die Patientin selbst: was man ihr zumutet, und was sie selber wünscht. Darum geht es im nächsten Artikel.

Mehr Einordnung zur gleichen Podcast-Folge

Ein Kind sitzt an einem Schreibtisch und malt; an der Wand darüber hängt eine Tafel mit der Kreideaufschrift 'We can do hard things'

Was ein Ernährungsdoc sich oder den PatientInnen zutraut

Was schwierig ist, ist ein Zeichen dafür, dass es sich lohnt👍. Oder nicht wert, überhaupt auch nur in Betracht gezogen zu werden👎. Je nachdem…

Weiterlesen →
  1. Gemeint ist die Fernsehsendung Die Ernährungsdocs, oder in diesem Fall der dazugehörige Podcast - eine Sendung des öffentlich-rechtlichen NDR, in der ErnährungsmedizinerInnen PatientInnen mit chronischen Beschwerden per Ernährungsumstellung behandeln.

  2. Amylase-Trypsin-Inhibitoren. Bereits im Artikel Superfood oder Antinährstoff behandelt.

  3. Ich ließe mich da sehr gern eines Besseren belehren - aber außer unspezifischem “Mangel” hat mir noch niemand gesagt, was genau damit gemeint ist. Nach 14 Jahren der ketogenen Ernährung wäre ich wirklich allmählich neugierig, auf welche Symptome ich achten sollte, und ob diese in den nächsten Jahren allmählich eintreten sollten.

  4. Rekord: Drei Verweise auf die gleiche Fußnote 🥳