
Ernährungsdoc: Kognitive Dissonanz und Unkenntnis der ketogenen Ernährung
Wer in Deutschland schon mal was von Ernährungsmedizin gehört hat, kommt an Matthias Riedl nicht vorbei. Entsprechend groß ist sein Einfluss darauf, was Patienten für möglich halten. Er ist Teil, wenn nicht Titelfigur, der bekannten NDR Serie “Die Ernährungsdocs”, und praktizierender Ernährungsmediziner.
In der Folge 76 des Ernährungs-Docs Podcasts geht es um “Psyche und Ernährung”
Über die gesamte Folge werden immer wieder Zusammenhänge zwischen Ernährung und Psyche erwähnt. Prominent: Über- und Untergewicht, aber auch eine Menge anderer hormoneller Aspekte.
Mein Kontext
Ich habe die Auswirkungen der ketogenen Ernährung auf meinen eigenen Körper, und nicht zuletzt meinen mentalen Zustand (vor allem: Fokus) über fast 14 Jahre verfolgen können, und möchte diese Effekte nicht missen - und das ohne vorher unter psychischen Symptomen zu leiden.
Seit 2012 verfolge ich die Forschung um und Anwendung von ketogener Ernährung, die weitere und weitere Kreise zieht. Anfangs hauptsächlich zur Gewichtsabnahme beliebt, geht es inzwischen um sehr viele nicht-ansteckende Krankheiten. Diese werden mehr und mehr auf den Stoffwechsel und auf die Nährstoffversorgung zurückgeführt - entweder ursächlich oder anteilig.
Im psychischen/psychologischen Bereich sticht da Metabolic Mind hervor: Dort gibt es Ressourcen für medizinisches Personal sowie für Patienten, inzwischen mit ersten Studien und schon länger mit jeder Menge anekdotischer Evidenz: Case-Studies, die medikamentöse Behandlungen um Längen schlagen.
Zu den mit ketogener Ernährung behandelbaren Krankheiten zählen laut Metabolic Mind Störungen aus dem schizophrenen Spektrum, Bipolare Störungen, Depression, Anorexie. Für Angststörungen und ADHD gibt es Forschung und konkrete Ergebnisse.
Mit diesem Wissen im Hintergrund, habe ich viele geschilderte Situationen und Fragen aus vorherigen Berichten wiedererkannt, und ständig erwartet, dass die ketogene Ernährung zumindest als eine ernährungsbedingte Option mal vom Ernährungsmediziner ins Gespräch gebracht wird.
Matthias Riedl zu ketogener Ernährung in dieser Folge
Ab 42:00 geht es in der genannten Folge etwa 2 Minuten lang dann tatsächlich konkret um ketogene Ernährung.
Vor dem Hintergrund, dass ich vom “Posterboy” der deutschen Ernährungsdocs mehr Hoffnung für einen Ernährungsansatz erwartet habe (eigentlich habe ich erwartet, dass er selber vielversprechende Forschung ins Gespräch bringt), war ich dann doch mehr als nur mild schockiert über die Aussagen, die den fragenden PatientInnen und Zuhörenden eher Hoffnung nehmen, und sie davon abhalten, ein ketogenes Experiment zu starten.
Es beginnt mit der Beschreibung der ketogenen Diät als
sehr sehr sehr kohlenhydratarme Ernährung, reich an Fetten und Eiweiß
und bereits diese Äußerung hat mir jede Hoffnung auf eine objektive Betrachtung genommen. Ich bin mir bewusst, dass ich einen ausgebildeten Mediziner kritisiere: Dieser Mensch, obwohl gut in diesem Fach ausgebildet, beschreibt nicht mal die absoluten Grundlagen der ketogenen Ernährung korrekt: Ketogene Ernährung ist reich an Fett, aber verwendet Protein nur moderat. Von einem ausgewiesenen Fachmann der Ernährung habe ich wirklich mehr erwartet.
Weiter geht’s mit
Problematisch bei der ketogenen Ernährung ist halt die Langfristigkeit, die meisten schaffen es nicht, das dauerhaft richtig umzusetzen
Wo auch immer er seine Information über die Größenordnung “der meisten” her hat, und selbst unabhängig von der Größenordnung: Ernährung ist, im Gegensatz zu Medikation als nebenwirkungsfrei anzusehen. Das Experiment ist kostenneutral für die Patienten (essen müssen sie sowieso).
Und weil der Arzt den Patienten unterstellt, dass sie es eh nicht durchhalten, wird das Mittel komplett diskreditiert und nicht mal in Betracht gezogen.
Selbst wenn sie es nur einen Monat durchhalten, und dann zurückfallen, haben sie die Chance bereits nach sehr kurzer Zeit (einige Patienten berichten von Tagen) Änderungen ihrer Symptome zu erfahren.
Ich selber halte seit knapp 14 Jahren die ketogene Ernährung dauerhaft durch, weil ich von den Ergebnissen so überwältigt war, dass ich nicht mal nachlassende psychische Symptome zur weiteren Motivation gebraucht habe. Mir reicht alleine der erreichte Fokus, die Klarheit und die dauerhafte Energie, unabhängig von Blutzuckerschwankungen.
Wir haben nur kleine Studien […] es ist auf den Kongressen äußerst umstritten das für Depression oder auch andere Indikationen einzusetzen
Ich bin nicht auf diesen Kongressen, ich weiss nicht, welche er meint. Aber selber argumentiert Matthias Riedl sehr gern damit, dass Ernährungstherapie bei vielen Symptomen und Krankheiten hilft, die von der “normalen” Medizin nicht mit Ernährung in Zusammenhang gebracht werden. Quasi alle anderen Folgen des Podcasts und auch der Fernsehsendungen enthalten diese Weisheit.
Die Wortwahl: Er sagt ausdrücklich “umstritten”. Das heißt, es gibt sowohl Für- als auch Gegensprecher. Er sagt nicht “widerlegt”.
es kann Folgen haben, es kann Nebenwirkungen haben, es ist schwer durchzuführen, es ist für die Lebensqualität nicht so besonders gut"
Mir fallen einige Folgen - unabhängig von psychischen und psychologischen Symptomen ein: Klarheit, dauerhafte Energie, kein Brain-Fog. Das sind gleichzeitig auch die Nebenwirkungen, die mir einfallen. Ich wäre neugierig, welche anderen Nebenwirkungen er im Blick hat. Insbesondere im Vergleich zu den dokumentierten Nebenwirkungen der üblichen Medikation für psychische Erkrankungen.
Ganz zu schweigen von der fehlenden Lebensqualität durch die zugrundeliegende psychische Erkrankung.
Und schließlich finde ich es vermessen, die Lebensqualität der PatientInnen beurteilen zu wollen, ohne ihnen selber die Option an die Hand zu geben. Eine Alternative wäre, es den Betroffenen selber zur Wahl zu stellen: “Ziehen sie die aktuelle Medikation vor, oder wären Sie auch bereit eine Ernährung auszuprobieren, die in einigen Fällen gezeigt hat, dass man komplett auf die Medikation verzichten kann?”. Sogar wenn sie kontrovers diskutiert wird.
Viele Patienten wären dankbar dafür, wenn man ihnen Wege aufzeigt, wie sie unter Umständen aus eigener Kraft zur Verminderung der Symptome (ich will noch nicht mal ‘Heilung’ sagen) beitragen können.
“Was ziehen Sie vor? Medikamentös induzierten Brain-Fog…” (eine der üblichen Nebenwirkungen) “… oder eine Ernährung, die in Gesellschaft manchmal etwas Erklärung fordert?” (…diese Erklärungen können Sie dann aber mit klarem Kopf geben)
Erstens: Nicht schaden!
Primum non nocere ist ein Grundsatz der Medizinethik.
First Do No Harm ist der Titel eines englischsprachigen Films (1), der die reale Situation eines Kindes mit epileptischen Anfällen schildert. Dessen Ärzte waren kurz davor, eine Gehirnoperation durchzuführen, bei denen einige Nervenbahnen aufgetrennt werden sollten, weil sie die ketogene Ernährung als “zu schwierig und nicht langfristig durchzuhalten” den Eltern gegenüber gar nicht erst erwähnt haben.
Inzwischen ist (wie auch Matthias Riedl in dem kurzen Ausschnitt bemerkt) die ketogene Ernährung ausdrücklich bekannt als sehr hilfreich bei der Behandlung von epileptischen Anfällen.
Die Charlie-Foundation schreibt (2) :
1993 entwickelte der 11 Monate alte Charlie Abrahams eine schwer kontrollierbare Epilepsie. Als letzten Ausweg, während Charlie täglich mehrere Anfälle erlebte und mehrere Medikamente einnahm, wandten sich seine Eltern an die ketogene Ernährung. Die Diät wirkte. Charlie wurde innerhalb eines Monats anfalls- und medikamentenfrei. Er hielt die Ernährungsform fünf Jahre lang bei und isst heute, was er möchte. Er hatte nie wieder einen Anfall.
und zu weiteren Forschungsgebieten (3) :
Neue Anwendungsgebiete der ketogenen Ernährung bei Krebs, Autismus, ALS, Parkinson, Typ-2-Diabetes und Schädel-Hirn-Trauma sind entstanden. Wissenschaftliche Daten zu diesen neuen Einsatzmöglichkeiten der Ernährungstherapie häufen sich rasch. Varianten der ketogenen Ernährung für diese weiteren Erkrankungen werden entwickelt. Die erweiterte Mission der Charlie Foundation ist es heute, nicht nur die ketogene Ernährungstherapie bei Epilepsie zu vertreten, sondern aktuelle Informationen über ihre erweiterten Einsatzmöglichkeiten und Varianten bereitzustellen. Zu diesem Zweck haben wir uns in „The Charlie Foundation for Ketogenic Therapies” umbenannt.
Die kognitive Dissonanz
Direkt nach dem ketogenen Misstritt bestätigt Riedl den Zusammenhang mit Zucker:
natürlich gibt es da einen Zusammenhang zwischen psychischem Wohlergehen und Zuckerkonsum. Und wer mal eine Zucker-Challenge gemacht hat und sich davon entfernt hat, wird merken ‘Hey, bin ja viel vitaler’
Ein Ernährungsdoc sollte wissen, was der Organismus für “Zucker” hält: Alles, was den Blutzuckerspiegel deutlich erhöht, gehört dazu. Oder kurz gesagt: Alles, was im Dünndarm als Zucker (Glukose) landet, ist für den Organismus Zucker. Mit anderen Worten: Kohlenhydrate, egal ob “komplex” oder “einfach”.
Vergleichen wir mal, wie 100g “komplexe” und 100g “einfache” Kohlenhydrate, und wie sie im Verdauungstrakt ankommen:
Eine ketogene Ernährung, die Kohlenhydrate auf ein Minimum reduziert, ist eine radikale - wenn nicht ultimative - Zuckerreduktion. Letztlich genau, was er empfiehlt.
Fazit
Zugegeben, ich habe geahnt, dass Matthias Riedl von ketogener Ernährung nicht sehr viel hält. Aber dass er noch nicht mal die absoluten Grundlagen (High-Fat-Moderate-Protein) korrekt wiedergibt, geschweige denn die aktuelleren Forschungsergebnisse dazu kennt und sie schlicht als “umstritten” diskreditiert, und Patienten das Durchhaltevermögen abspricht, schockiert mich dann doch.
Informierten Patienten (4) wird dadurch eine wichtige Option vorenthalten, die sie benötigen um ihre Wahl zu treffen.










