Es gibt verschiedenste Gründe, Milch als gesund oder ungesund zu klassifizieren.

Vor kurzem bin ich auf einen neuen Grund gestoßen, der mich hinterfragen lässt, warum irgendeiner der offiziellen Ratschläge und Richtlinien irgendetwas positives über Milch zu sagen hat.

Es geht um die Art, wie die (deutschen) Ernährungsrichtlinien zustande kommen: Über die “Nationale Verzehrsstudie II”.

Was ist Milch?

Diese Frage scheint rhetorisch, ist es in diesem Zusammenhang aber nicht. Tatsächlich ist das die zentrale Frage bei der Betrachtung der Milch:

Im Ergebnisbericht Teil 2 (2008)(1) der Nationalen Verzehrsstudie II findet man im Kapitel 4 (“Lebensmittelverzehr”) die Hauptgruppe “Milch, Milcherzeugnisse und Käse”. Genau dort wird auf der ersten Unterebene die Kategorie “Milch und Milchmischgetränke” gebildet.

Unter dieser Kategorie läuft alles zusammen: Die ganz normale Vollmilch genauso wie der stark gezuckerte Schokokakao, die Erdbeermilch oder die Vanillemilch aus dem Supermarktregal.

In der statistischen Auswertung führt das dazu, dass flüssige Zuckerbomben als “brav konsumierte Milchprodukte” verbucht werden.

Die Folge

Bei einer kurzen Internetsuche finde ich “Trinkmilch mit Kakao” sowie “Milchmischerzeugnisse vollfett mit Kakao” und “Milchmischerzeugnisse fettarm mit Kakao” - alle mit 21g Kohlenhydraten pro 100g. Zum Vergleich: Cola finde ich mit 11g Kohlenhydraten pro 100g.

Wenn jetzt die Epidemiologie einen hohen Konsum von Milchmischgetränken mit gesundheitlichen Problemen korreliert, fällt das pauschal auf die “Milch” zurück, wobei nicht auszuschließen ist, dass die Probleme eher auf den exzessiven Zuckerzusatz zurückzuführen sind.

Das gleiche gilt übrigens auch für Fruchtjoghurt:

  • Joghurt vollfett mit Fruchtzubereitung: 14g/100g
  • Joghurt mit Früchten: 14g/100g
  • Erdbeerjoghurt (Zubereitung Großküche): 15g/100g
  • selbst Joghurt mit Vanille Nuss: 18g/100g

Etwas besser als das Kakaogetränk, aber immer noch mehr Zucker als in Cola.

Kurzer Exkurs

In einem anderen Kapitel aus der Nationalen Verzehrsstudie II finden wir übrigens eine Information wieder, die wir schon anderswo behandelt haben:

Kapitel 4.1.9 enthält diese aufschlussreiche Formulierung:

Hinter der Lebensmittelgruppe Fleisch verbirgt sich sowohl weißes Fleisch wie Geflügel als auch rotes Fleisch wie Rind und Schwein, aber auch Wild und Innereien (Anhang Tab. A. 2). Unter den Gerichten auf Basis von Fleisch werden im Wesentlichen Wurstsalate, fleischhaltiges Fast Food wie Hamburger oder Fleisch mit Soße verstanden.

Es kommen alte Gedanken wieder hoch…

Die Zusammensetzung des sogenannten Fleischgerichts

Ein Hamburger in Nahaufnahme - ohne Pommes Frites und ohne Getränk

Hamburger: Hypervegetarisch?

Ist eines der ikonischsten Fleischgerichte ein Fleischgericht? Eine amüsante Einsicht

Weiterlesen →

Fazit

Wer mit diesen Zusammenfassungen statistisch ermittelt, dass “Milchtrinker” bestimmte Gesundheitsprobleme haben, hat damit möglicherweise mehr über den raffinierten Industrie-Zucker ausgesagt als über die Milch selbst.

Wer ermittelt, dass Fleisch mit ganz offensichtlichen gesundheitlichen Problemen korreliert, hat vorher gegebenenfalls die Daten passend gemacht: Ein Fleischgericht, in dem lediglich 10% Fleisch enthalten sind, würde in anderen Fällen die Verbraucherzentrale auf den Plan rufen.

Und “zu viel Milch ist ungesund” klingt als Schlagzeile eben packender als “Gezuckerte Milchmischgetränke enthalten viel Zucker”.

(╯°□°)╯︵ ┻━┻

Andere Rants

Zwei Hände, in die Wasser fließt
Wasserverbrauch für Rindfleisch

Eine Gazillion Liter Wasser pro Burger? Gern - alles andere wäre eine Katastrophe.

Ein Holztisch mit einem leeren Teller in schwarz/weiss
Unglaublich: Intermittierendes Fasten wirkt hormonell?

Ich gebe eine Expertenwarnung aus dem Internet weiter. Unglaubliche Auswirkungen des intermittierenden Fastens 🤦 (wir ignorieren Betteridge für einen Moment…)

Eine Pizza und eine Cola auf einem Tisch
Niemand will Dir Deine Pizza nehmen

Cola bestellen: normal. Butter statt Kartoffel bestellen: Rechtfertigungsdruck & Notrufnummer bereithalten. Wie die Weichspülung der Ernährungsrichtlinien zum gesellschaftlichen Konsens wurde.

Ein gut balancierter Stapel Schokolade mit Nüssen
Ausgewogene Ernährung

‘Du sollst Dich ausgewogen ernähren’ - aber was bedeutet das?

Bunte Frühstücksdingsis in einer Schüssel und über den Tisch verstreut. Bestimmt ungesund, aber passend zum Regenbogenthema
"Iss den Regenbogen"

Ein gern gehörter Ratschlag, und wie man ihn auch lesen kann, wenn man ihn kreativ und mit der gegenteiligen Erfahrung liest. Ein Rant

Zwei Füße auf einer digitalen Waage
"Auf das Gewicht achten"

Ein Rant: Warum ‘Auf das Gewicht achten’ als Ratschlag nicht weiterhilft