In einer Fußnote des Artikels Weidehaltung von Wiederkäuern habe ich einen Dissens erwähnt, im Zusammenhang mit Allan Savorys Vortrag “How to fight desertification and reverse climate change"(1).

Hier auf TED, und eingebettet von YouTube:

How to green the world's deserts and reverse climate change | Allan Savory
How to green the world’s deserts and reverse climate change | Allan Savory

Heute ist es Zeit, darauf zurückzukommen, und Überraschung: Es gibt nicht einen, sondern zwei verschiedene Argumente zu verfolgen:

Eine Aussage im Vortrag

Kurz vor dem Ende des Vortrags bemerkt er, dass der Kohlenstoff, der in der Hälfte des weltweiten Graslandes bei guter Beweidung gebunden werden kann, uns auf vorindustrielles Niveau zurückbringen kann. Die Aufzeichnung ist von 2013, und ich weiss nicht, wie alt seine Erkenntnis damals war, aber zumindest nach heutigem Verständnis ist das keine korrekte Größenordnung.

An anderer Stelle habe ich schon “Secure Soil, Save Life” (2) zitiert, einen Report von 2025. Darin heißt es auf Seite 15:

Eine Analyse von Save Soil schätzt, dass eine Verbesserung des Bodenzustands bis zu 27 % des Kohlenstoffs aufnehmen könnte, der nötig ist, um die Erwärmung unter 2 °C zu halten. (3)

Leider steht hier nicht der Zeitraum, der dafür nötig ist - aber wir sehen, dass der Beitrag, den der Boden leisten kann, schon mal nicht unerheblich ist.

Die Fortsetzung nach diesem Satz ist ebenfalls interessant

Boden mit hohem organischen Anteil bindet Kohlenstoff langfristig und verbessert die Bodenstruktur, um Kohlenstoff vor dem Abbau zu schützen – er unterstützt eine vielfältige mikrobielle Gemeinschaft, die Pflanzenreste in stabiles organisches Material umwandelt, und verbessert die Wasserspeicherung. Darüber hinaus erschließt der Übergang zur regenerativen Landwirtschaft, die Bodenstörungen und den Einsatz synthetischer Betriebsmittel minimiert, nicht nur diese Speicherkapazität, sondern reduziert auch aktiv Emissionen auf zwei Wegen: direkt, indem die CO₂-Freisetzung aus dem Boden verringert wird (z.B. durch reduzierten oder keinen Pflugschnitt); und indirekt, indem die erheblichen Emissionen aus Produktion und Transport synthetischer Düngemittel durch geringere Abhängigkeit von chemischen Betriebsmitteln reduziert werden. Die Anerkennung des Bodenpotenzials ist daher eine entscheidende, praktische Strategie, um die Welt in Richtung eines nährstoffausgewogenen, klimaneutralen und naturpositiven Agrarsystems zu lenken (Conscious Planet, 2024a (4) ). (5)

Der Boden kann und muss also einen wichtigen Beitrag zur Bindung von Kohlenstoff leisten, aber die im Vortrag geäußerte Größenordnung passt nicht.

Ein zweiter Einwand

Und wer auf den TED Link geklickt hat, wird festgestellt haben, dass TED einen ganz anderen Konflikt vermerkt. Dort heißt es, dass das Methan der Tiere jegliche Kohlenstoff-Speicherung im Boden wettmacht (aber der verlinkte Artikel ist nicht mehr verfügbar - unklar, ob er zurückgezogen ist, oder ob einfach nur der Link tot ist).

Da unklar ist, was exakt das Argument ist, und ob es noch besteht:

Wir müssen uns daran gewöhnen, dass mit natürlichen Prozessen auch natürliche Stoffe in die Umwelt kommen. Methan aus Wiederkäuern ist aus Kohlenstoff, der bereits im biologischen Kreislauf ist. Da er in 10 Jahren wieder abgebaut ist, ist die Gesamtmenge in der Atmosphäre bei gleichbleibender Zahl an Tieren konstant: Es wird regelmäßig so viel produziert, wie abgebaut wird.

Wenn wir die Anzahl der Tiere verdoppeln, verdoppelt sich ihr Methanausstoß einmalig - und damit das in der Atmosphäre befindliche biologische Methan. Dann bleibt es stabil.

Und das ist die Asymmetrie, die das Methan-Argument gerne übersieht: Das Methan steigt einmal an und verharrt dann auf dem neuen Niveau. Der Kohlenstoff im Boden hingegen akkumuliert weiter - Jahr für Jahr, so lange das Land gut bewirtschaftet wird. Einmaliger Anstieg auf der einen Seite, anhaltender Aufbau auf der anderen. Je länger der Zeithorizont, desto schwächer wird das Argument.

Wenn wir dagegen die Anzahl der Tiere halbieren, halbiert sich über Zeit nicht nur das Methan, sondern auch die Biodiversität wird verringert. Nicht durch die hochgezüchteten Tiere, die wir ggf nicht mehr halten, sondern durch die mit ihnen in Symbiose lebenden Organismen. Tiere sind Umwelt!

Der Mensch dagegen führt massiv “frischen” Kohlenstoff aus fossilen Quellen der Atmosphäre zu. Dieser Kohlenstoff - sei es als Methan oder CO2 - war vorher nicht da. Falls es jemand noch nicht wusste: Methan ist der Hauptbestandteil von Erdgas.

Wiederkäuer-Methan ist biologisch, nicht fossil. Termiten produzieren ebenfalls enorme Mengen davon - niemand fordert ihre Ausrottung. Wenn natürliche Prozesse im Kreislauf plötzlich zum Problem werden, ist das ein Symptom, das durch übermäßig vorhandenen fossilen Kohlenstoff ausgelöst wird, nicht vom biologischen System.

Das liegt in der Kontrolle des Menschen (der uns in diese Situation gebracht hat), nicht der Tiere.

Aber wem das jetzt zu apokalyptisch ist: Wir benötigen schlicht die Dienstleistung der Wiederkäuer beim Aufbau von Boden. Und es wird seit langem auch in der Landwirtschaft daran gearbeitet, den Methanausstoß bei Rindern zu verringern - unter anderem geht das durch Futterzusätze, und ein Wechsel von Stall- auf Weidehaltung würde ebenfalls eine Menge beitragen (6) .

Und wenn wir die derzeit und zukünftig lebenden Menschen ernähren wollen, haben wir gesehen, dass es ohne Boden nicht geht. Und wir haben gesehen, dass diesem Boden geholfen werden muss: Ohne Beweidung geht es nicht(2).

Mehr über Tierhaltung

Abbild der Netzhaut
Schau mir in die Augen...

Ein Blick nach innen: Was ich nicht messen kann - und warum ich mich für nicht schlau genug für eine vegane Ernährung halte

Ein Steak mit einem Rosmarinzweig, umgeben von reichlich Salz, das im Zusammenhang dieses Artikels auch gern als Zucker gedeutet werden kann
Verursacht Fleisch Diabetes?

Immer wieder kommt mir der ‘allen bekannte Fakt’ unter, dass Fleisch Diabetes verursacht. Also habe ich auf die Studienlage geschaut - herausgekommen ist die bisher längste Literaturliste aller Artikel.

Zwei Hände, in die Wasser fließt
Wasserverbrauch für Rindfleisch

Eine Gazillion Liter Wasser pro Burger? Gern - alles andere wäre eine Katastrophe.

Eine Herde Rinder auf der Weide im Gegenlicht
Tierleid

Über Tierethik, die Minimierung von Leid, und warum das nicht automatisch bedingt kein Fleisch mehr zu essen

Zwei Hände halten Erde
Regenerative Landwirtschaft im Sinne des Völkerrechts

Warum internationale Gesetzgeber nicht an der Weidehaltung vorbeikommen — und was das für den Teller bedeutet.

Schild 'Bitte nicht füttern' mit Gans und Ente o.ä. als Illustration
Tiere bitte nicht füttern

Warum soll man eigentlich die Enten im Park oder die Tiere im Zoo nicht füttern? (und was wir davon lernen können)

Zwei Erntemaschinen auf einem Weizenfeld.
Getreide

Getreide gehört zu den Grundnahrungsmitteln, kaum jemand kann sich vorstellen ohne es auszukommen. Je nachdem, ob es ‘gegessen’ oder ‘verfüttert’ wird, werden ihm allerdings diametral gegensätzliche Eigenschaften zugeschrieben. Schrödingers Nahrungsmittel

Rinderherde auf der Weide, vor Bäumen. Ein weißes Tier vor einer ansonsten schwarzen Herde
Weidehaltung von Wiederkäuern

Rindern wird viel vorgeworfen - wie die Haltungsform das ins Gegenteil verändern kann

  1. Allan Savory: How to fight desertification and reverse climate change
  2. Aroura Soil Security Think Tank, IUCN World Commission on Environmental Law (WCEL), & Save Soil. (2025). Secure Soil, Save Life. Hier besonders behandelt in diesem Artikel.
  3. Original: “A Save Soil analysis estimates that improving soil condition could absorb up to 27% of the carbon needed to keep warming under 2 °C.”
  4. Conscious Planet. (2024a). Mitigating climate change through soil revitalization using regenerative agriculture
  5. Original: “Soil with high organic matter effectively locks carbon away for long periods and improves soil structure to protect carbon from decomposition, supporting a diverse microbial community that converts plant residues into stable organic matter, and enhancing water retention. Furthermore, transitioning to regenerative agriculture, which minimises soil disturbance and synthetic inputs, not only unlocks this sequestration power but also actively reduces emissions in two ways: directly, by decreasing CO2​release from the soil (e.g. by reduced or no tillage); and indirectly, by lowering the substantial emissions associated with the production and transport of synthetic fertilisers due to decreased dependence on chemical inputs. Therefore, recognising soil’s potential is a crucial, practical strategy to move the world toward nutrient balanced, net-zero emissions and a nature-positive agricultural system (Conscious Planet, 2024a).”
  6. Aspekte u.a.: Gülle und Dung in Stallhaltung können anaerob bei Lagerung auch Methan freisetzen - auf der Weide werden sie aerob anders abgebaut; Futtermittelanbau fällt weg, dadurch auch der Dünger- und Pestizideinsatz