
Aber dein Cholesterin, dein Herz...
Ketogene ErnÀhrung ist reich an Fett, moderat bei Protein und arm an Kohlenhydraten.
Eine der hĂ€ufigsten Fragen, die ich bekomme, ist: “Wie ist das mit deinem Cholesterin? Macht das deinem Herz keine Probleme?”
Nein, macht es nicht. Und es gibt eine Menge von Studien, Ergebnissen, Berichten und Mechanismen, die mich dazu gebracht haben, andere Blutwerte in Bezug auf meine Herzgesundheit fĂŒr besser geeignet zu halten als “das schlechte Cholesterin”.
BĂŒcher
Da ich mit diesem Artikel nicht vorhabe, jemandem die Gelegenheit zu geben “aber das Internet hat gesagt…” zu sagen, verweise ich fĂŒr sehr viele Aspekte dazu auf die Quellen - in diesem Absatz BĂŒcher - die mich in dieser Meinung gestĂ€rkt haben, und denen ich eine Menge VerstĂ€ndnis des Stoffwechsels verdanke:
Nina Teicholz’ “The Big Fat Surprise” (1) (ĂŒbersetzt “Die groĂe fette Ăberraschung”, aber leider nicht auf deutsch erhĂ€ltlich) enthĂ€lt eine spannende Geschichte der Fett-Phobie, der ErnĂ€hrungsratschlĂ€ge, sowie haufenweise Referenzen. TatsĂ€chlich enthĂ€lt das Buch so viele gut recherchierte Referenzen, dass die Autorin es spĂ€ter zu ihrer Doktorarbeit weiterentwickelt hat(2). Es ist auch ohne wissenschaftlichen Hintergrund hervorragend zu lesen.
Spannender Nebeneffekt: Die Autorin war vor diesem Buch Vegetarierin, hat fettarm gelebt, und durch die Recherche zu diesem Buch ihre Ăberzeugung vollstĂ€ndig geĂ€ndert.
Gary Taubes’ sehr medizinisches “Good Calories, Bad Calories”, sowie das leichter lesbare “Why we get fat and what to do about it” (3) taten ein ĂŒbriges. Auch hier sind sehr gute wissenschaftliche Referenzen enthalten.
Beide, Nina Teicholz und Gary Taubes, sind Wissenschaftsjournalisten, was die gute Lesbarkeit der BĂŒcher (bei Gary Taubes vor allem das zweitgenannte) fĂŒr Nicht-WissenschaftlerInnen erklĂ€rt.
Aber auch weitere in Fachliteratur veröffentlichte Artikel und Studien - sowie ggf. die Reaktionen darauf:
Direkt aus der Wissenschaft
Und obwohl es keine gesundheitlichen Aspekte enthĂ€lt, sondern dokumentiert, wie die Forschung zu Cholesterin und Herzgesundheit in den 1960ern korrupt beeinflusst wurde: Die Arbeit von Kearns et al, “Sugar Industry and Coronary Heart Disease Research: A Historical Analysis of Internal Industry Documents” (4), in der veröffentlicht wurde, welchen intensiven Einfluss (Ziel, Methode, Ergebnis und Finanzierung) die Zuckerindustrie auf die Forschung genommen hat, um sicherzustellen, dass Fett an den Pranger gestellt wurde, wĂ€hrend fĂŒr Zucker, wie beauftragt und (nachgewiesen) bezahlt, Entwarnung gegeben wurde.
Der Ursprung der Fett-Phobie
Und dann war da noch der (fĂŒr mich identifizierte) Ursprung der Fett-Phobie, Ancel Keys' “Diet-Heart-Hypothesis”. Seine Veröffentlichungen geraten gern durcheinander: Eine erste Veröffentlichung von Daten aus 6 LĂ€ndern zeigte einen guten Zusammenhang zwischen Fettkonsum und Herzerkrankungen. Allerdings hatte er Daten von 22 LĂ€ndern, und genau die ausgewĂ€hlt, die am besten eine Korrelation zeigen. In der Folge hat er eine Sieben-LĂ€nder-Studie (5) veröffentlicht, die ebenfalls, unter anderem wegen der Auswahl der LĂ€nder stark kritisiert wurde. Der deutschsprachige Wikipedia-Artikel enthĂ€lt eine Sektion “Kritik”, die im englischsprachigen Artikel fehlt. Diese verlinkt ein Whitepaper, das die Sieben-LĂ€nder-Studie verteidigt, dabei allerdings auch nicht unwidersprochen bzw unwiderlegt blieb. Ich verlinke den sehr gut lesbaren Teil 1 der beiden Artikel zur Widerlegung des Whitepapers von Zoe Harcombe (6).
Die Studie, die alles aussagen kann
Die sogenannte “Framingham-Studie” (7) wird von BefĂŒrwortern und Gegnern der Cholesterin-Herz-Hypothese gleichermaĂen angefĂŒhrt. FĂŒr mich ist das weniger ein Widerspruch als ein Symptom.
Es handelt sich um eine seit 1948 laufende Kohortenstudie - also eine reine Beobachtungsstudie, die ZusammenhĂ€nge aufzeigen kann, aber keine Ursachen. Und eine Studie, die ĂŒber mehr als 75 Jahre, ĂŒber mehrere Generationen und unzĂ€hlige Untergruppen hinweg Daten sammelt, liefert so viele Korrelationen, dass sich mit dem passend gewĂ€hlten Ausschnitt fast jede These belegen lĂ€sst. Je lĂ€nger und je gröĂer die Studie, desto gröĂer der Fundus, aus dem sich beide Seiten bedienen können.
Die Daten liefern zwei herrliche QuerschlĂ€ger, die das dogmatische Kartenhaus der Cholesterin-Gegner ins Wanken bringen. Vorsicht: Sie beweisen nichts, sondern zeigen, wie wenig die einfache Kette “Fett -> Cholesterin -> Herzinfarkt” trĂ€gt:
Erstens ein Satz von William Castelli, dem damaligen Direktor der Studie, aus einem Editorial von 1992 (8): “In Framingham hatten diejenigen, die am meisten gesĂ€ttigtes Fett, Cholesterin und Kalorien zu sich nahmen, das niedrigste Serum-Cholesterin - und sie wogen am wenigsten und waren am aktivsten”. (Ich zitiere hier bewusst aus zweiter Hand; das Original habe ich nicht selbst gelesen.)
Zweitens eine Auswertung ĂŒber 30 Jahre Nachbeobachtung (9): Bei unter 50 jĂ€hrigen hing ein höheres Cholesterin tatsĂ€chlich mit höherer Sterblichkeit zusammen. Ăber 50 dagegen nicht mehr - und, kurioser noch, ein ĂŒber die Jahre fallendes Cholesterin ging mit einer höheren Sterblichkeit einher.
Bevor das jetzt jemand als “niedriges Cholesterin ist gefĂ€hrlich” missversteht: Die Autoren selbst weisen darauf hin, dass hier vermutlich Ursache und Wirkung verdreht sind - bei wem das Cholesterin sinkt, der ist oft bereits krank. Genau das ist der Punkt: Sogar die Studienautoren gehen vorsichtiger mit ihren eigenen Korrelationen um, als es die Schlagzeilen je taten.
Was bleibt, ist kein Gegenbeweis, sondern eine ErnĂŒchterung: Eine einzelne Beobachtungsstudie, und sei sie noch so groĂ und langlebig, entscheidet diese Frage nicht. Wer sie als Beweis anfĂŒhrt - egal fĂŒr welche Seite - hat sich meistens nur den passenden Ausschnitt herausgesucht.
Meine Schlussfolgerung daraus
Ich sag’s mal so: Ich bin kein Wissenschaftler - schon gar nicht im Bereich der ErnĂ€hrung. Aber inzwischen habe ich mich so intensiv damit beschĂ€ftigt, dass meine Erkenntnis ist: Die klassischen ErnĂ€hrungsratschlĂ€ge und -richtlinien fĂŒhlen sich fĂŒr mich wie unzusammenhĂ€ngende Definitionen an: Es gibt viele Dinge, die man unabhĂ€ngig voneinander berĂŒcksichtigen und abwĂ€gen muss:
- Hafer ist immer super - aber manchmal (z.B. bei Diabetes) auch etwas vorsichtiger einzusetzen.
- gesĂ€ttigte Fette sind zu vermeiden - auĂer als bakterielle Stoffwechselprodukte von Darmbakterien
- Ăbergewichtige sollen abnehmen - aber Fettverbrennung (Ketose) wird als Entgleisung bezeichnet (10)
- Es kommt darauf an, weniger Kalorien zu essen als zu verbrauchen (aber niemand hat damit dauerhaften Erfolg und bleibt gesund - die Umkehr von Ursache und Wirkung ist hilfreicher)
Die oben zitierten BĂŒcher, sowie Veröffentlichungen und die Diskussionen um die ebenso aufgefĂŒhrten Studien, haben mich mit einem StoffwechselverstĂ€ndnis ausgestattet, das nicht von Definitionen abhĂ€ngig ist: Seit ich gelernt habe, dass ErnĂ€hrung auch entgegen den Richtlinien sehr gut funktioniert, und wissenschaftliche Grundlagen hat, verstehe ich die Prinzipien, so dass es nur noch sehr wenige Definitionen braucht.
Gepaart mit der eigenen Erfahrung der ketogenen, und spĂ€ter ballaststoffarmen bis -freien ErnĂ€hrung hĂ€tten ansonsten irgendwann in den letzten 14 Jahren mal die laut klassischer ErnĂ€hrungslehre unabdingbaren apokalyptischen Folgen eintreten mĂŒssen. Spoiler: Sind sie nicht!
Das war’s - ich muss noch Butter auftauen.












